Spuk im Golfklub

3 Wörter Februar 2020
Klimpern
Schweinehund
Golfklub

Spuk im Golfklub

1

»Und dieser Sauhaufen war früher mal ein Golfklub, ja?« Arno Bode verzog das Gesicht. Es ließ ihn wie einen eingeschnappten Jungen aussehen, trotz des maßgeschneiderten Designeranzugs und seines gezwirbelten Schnurrbarts.
Michael ließ ebenfalls den Blick über die Grünfläche schweifen. An vielen Bereichen war das Gras verdörrt, hie und da prangten kahle Stellen, groß wie ein Fußball, vereinzelt sogar kleinwagengroß. Das Gebäude zu seiner Linken, der ehemalige Klub, wirkte, als würde es jeden Augenblick einstürzen. »Hier wurde lange nicht mehr Golf gespielt.«
Ein eisiger Windhauch fegte über das Feld und ließ die Grashalme wie eine Horde Fußballbegeisterte, die im Stadion eine La-Ola-Welle vollführten, tanzen. Michael fröstelte. Er betrachtete die Golfanlage zum zweiten Mal und schon neulich hatte er sich seltsam beklommen gefühlt. So als würde er beobachtet werden und dieser Jemand wollte nicht, dass er hier war.
»Das liegt an dem Geist«, sagte er. »Er verscheucht die Leute.«
»Pah!« Bode machte eine wegwerfende Handbewegung. »Schauergeschichten. Was für ein Blödsinn.« Er wandte sich Michael zu. »Fangen Sie so schnell wie möglich an, alles umzugraben. Das Einkaufszentrum soll bis Ende des nächstes Jahres fertiggestellt sein. Ich wünsche keine Verzögerungen.«
Michael nickte. Alles in ihm kämpfte gegen die aufkeimende Panik. Es war keine gute Idee, einen Geist zu erzürnen. Doch er brauchte das Geld. Ohne den Auftrag würde sein Bauunternehmen schon bald insolvent sein. Seinen Jungs hatte er nichts von dem Spuk erzählt, die meisten würden es ohnehin abtun. Mutter hatte ihn vor diesen Wesen gewarnt. Damals, als sein Leben noch unbeschwert gewesen war und er einen besten Freund namens Maxy hatte – einen weißen Stoffbären. Heutzutage glaubten nur wenige Menschen an Geister. Aber er wusste, dass es sie gab. Und manche von ihnen waren böse.

2

Die Bauarbeiten gingen gut voran. Bode ließ sich nur selten Blicken. Dann schritt er eines Königs gleich über die Baustelle und prüfte, ob gearbeitet wurde oder ob es einige der Arbeiter wagten, Kaffeepausen einzulegen.
»Er ist ein Schweinehund«, sagte Michael zu Ralf, der sich das Kreuz rieb. Die beiden verband eine innige Freundschaft und obwohl seine Qualen kaum zu übersehen waren, klagte Ralf nie über Schmerzen. Michael fürchtete den Tag, an dem sein treuer Freund nicht mehr zur Arbeit kommen konnte. »Aber er bringt das nötige Geld. Wir müssen ihn einfach schwafeln lassen.«
»Ich weiß, wir brauchen den Auftrag«, sagte Ralf. »Aber manchmal, da könnte ich den Drecksack …« Er hob die Hände auf Höhe von Michaels Kehle und deutete an, ihn zu erwürgen.
»Wenn du das tust, trete ich ihm noch in den Hintern, und zwar so, dass ihm der Stock, der in seinem Arsch steckt, aus dem Rachen ragt, wenn er das nicht ohnehin schon tut.«
Sie grölten vor Lachen wie harte Kerle.
Ein gellender Schrei ließ sie zusammen fahren. Sofort sprinteten sie in Richtung des Aufschreis, während sich vor Michaels innerem Auge Szenarien formten, in der Männer zerquetscht unter Eisenstangen verbluteten oder mit abgetrennten Gliedmaßen durch den Dreck krochen.
Stattdessen fand er zwei seiner Arbeiter vor, die zwar zerstreut, aber unverletzt wirkten. Er musterte sie kurz, ob sich alle Körperteile am rechten Platz befanden und fragte: »Was ist passiert? Warum schreit ihr wie kleine Mädchen?«
Die beiden Männer starrten ihn an.
Großer Gott, die sind ja völlig matschig in der Birne. »Ist jemand verletzt? Was ist mit euch?« Ein mulmiges Gefühl überkam ihn. Er dachte sich bereits, was den beiden passiert war oder eher, was sie gesehen hatten.
Sie beiden Männer wechselten einen Blick.
»Nichts«, sagte Ning, ein Asiate mit Ziegenbart.
»Alles gut«, murmelte Velten, einer von Michaels besten Arbeitern, groß, breitschultrig und fleißig.
»Ihr seht aus, als hättet ihr einen Geist gesehen«, sagte Ralf und stieß ein dunkles Weihnachtsmann-Lachen aus.
Michael zuckte kaum merklich zusammen. Ning und Velten wurden mit einem Schlag noch bleicher als zuvor.
Ralf verstummte abrupt. Er betrachtete die Männer der Reihe nach mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ich denke“, begann Michael, „ich muss euch etwas beichten.“

3

Michael trommelte seine ganze Mannschaft zusammen. Während er von dem Spuk erzählte, lauschten sie gebannt und nicht immer gelang es ihm, abzuwägen, ob die Männer nur so ungewohnt still waren, weil sie ihm glaubten, oder, weil sie ihn für verrückt hielten.
„Niemand weiß, warum der Geist den Golfklub heimsucht“, schloss er seine Erzählung. „Aber seit er hier sein Unwesen treibt, wagt es niemand mehr die Grünfläche zu betreten.“
Bedächtiges Schweigen folgte. Die Männer wichen Michaels Blick aus, bis auf Ralf, der ihn skeptisch beäugte. Ning und Velten hatten den letzten Rest Farbe aus ihren Gesichtern verloren.
„Du veräppelst uns doch“, sagte Ralf und gluckste. Einige der Männer stimmten leise mit ein.
„Nein“, sagte Michael. „Ist euch noch nicht aufgefallen, dass die Temperatur hin und wieder plötzlich sinkt? Habt ihr nicht zwischenzeitlich das Gefühl, beobachtet zu werden? Oder hört seltsame Geräusche, wie ein Stöhnen oder Jammern?“
Erneutes Schweigen. Einige der Männer nickten leicht, andere kicherten und murmelten Dinge wie: „Der verarscht uns“, oder „Ja nee, ist klar.“
»Es ist eine Frau«, sagte Ning plötzlich. »Ich habe sie gesehen.«
»Ja«, sagte Velten. »Sie … es … eine Frau. Sie trug ein durchsichtiges Gewand. Wunderschön war sie. Wir waren wie verzaubert. Sie näherte sich uns. Ihre Augen waren so … Das Klimpern … es zog uns an. Doch als wir auf sie zugingen, da veränderte sie sich. Sie wurde …« Er wagte nicht, weiterzusprechen, zitterte am ganzen Leib.
Ein eisiger Windhauch fegte über den Golfplatz. In der Ferne erklang ein leises Wimmern.
»Scheiße, was ist das?« Ralf schlang die Arme um den Körper.
»Das ist sie«, fuhr Velten fort. »Sie versteckt sich in den Schatten und manchmal … manchmal da …« Er verstummte.
Nun wagte es niemand mehr, zu lachen. Das Wimmern schwoll an, verwandelte sich in lautes Schluchzen. Einige der Arbeiter hielten es nicht mehr aus und stürzten Richtung Ausgang.
»Wartet!«, schrie Michael. Doch es war zu spät. Eine Druckwelle erfasste sie und schleuderte sie zurück. Theo, ein Hänfling von einem Bauarbeiter, prallte gegen den Kran und blieb regungslos liegen.
»Der Geist wird wütend, wenn wir versuchen zu fliehen«, sagte Michael, bemüht, ruhig zu klingen. Es gelang ihm nicht.
Ralf, der Theo zur Hilfe geeilt war und ihm aufhalf – der Mann schien nur unter Schock zu stehen – schimpfte: »Und das erzählst du uns jetzt? Du wusstest, wie gefährlich es hier ist und hast uns trotzdem arbeiten lassen?«
Michael senkte den Blick. »Es tut mir leid. Ohne Auftrag wären wir …«
»Geld. Immer geht es nur um Geld. Was ist wichtiger? Der Auftrag oder unsere Leben?«
Ralf hatte recht. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Mit einem boshaften Geist war nicht zu spaßen, wie hatte er glauben können, alles im Griff zu haben? Wie töricht er gewesen war. »Es tut mir leid …«
»Was machen wir jetzt?«, fragte Ning. Er sah aus, als würde er jeden Augenblick in Ohnmacht fallen.
»Ich dachte, wenn wir den Geist nicht erzürnen, würde alles gutgehen. Ich wollte doch nicht, dass jemand verletzt wird«, brach es aus Michael heraus. Die Angst trieb ihm Tränen in die Augen. Das Wimmern schwoll weiter an, es schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen. Einige der Männer pressten die Handflächen gegen die Ohren. »Was habe ich getan?«
Ein weiterer Windzug preschte über die Grünfläche. Trieb die Männer näher zusammen wie eine Herde Schafe.
Und dann war plötzlich alles still.
Michael blickte in verwirrte Gesichter. Was war geschehen?
»Was ist denn hier los?« Arno Bode stapfte auf die Männer zu. Die Wangen gerötet, in der einen Hand einen Kaffeebecher, in der anderen einen Zigarettenstummel. Achtlos ließ er ihn fallen. Michael bemerkte, wie sich Bodes Schatten veränderte. Er wurde länger, schmaler, löste sich von der Erde. Der Geist formte sich hinter ihm, nicht mehr als eine Silhouette, aber mit Haaren, die von imaginären Winden zu einem Tanz aufgefordert wurden, der so wild war wie eine Horde hungriger Schlangen.
Niemand wagte es, zu sprechen. Alle Augen waren auf den Schatten fixiert, der nun die Hände nach Bode ausstreckte.
»Ihr Taugenichtse!«, keifte dieser. »Steht hier rum wie eine Bande Jugendlicher auf dem Schulhof. Dafür gebe ich sicher nicht mein Geld aus!« Seine Wut wich Verunsicherung. Anscheinend bemerkte er, dass die Blicke der Arbeiter auf etwas hinter ihm fixiert waren. Und dass es ihnen Angst machte.
Bode wirbelte herum. Der Schatten verschwand.
Erleichtert atmete Michael auf. Hielt jedoch direkt wieder den Atem an, als Bode sich ihm wutschnaubend näherte. »Was denken Sie eigentlich, wer Sie sind?« Er wartete keine Antwort ab, sondern startete eine Schimpftirade.
Michael nahm jedes Wort hin und verzog keine Miene.
»Ich war früher selbst ein lausiger Bauarbeiter, ich weiß, wie das läuft. Wenn Sie und Ihre Männer unfähig sind, nehme ich die Bauarbeiten eben selbst in die Hand.«
Michael und Ralf wechselten einen Blick. Bode stapfte wie ein Wahnsinniger auf den Bagger zu. »Sie sind gefeuert! Sie alle!« Er riss die Tür auf und setzte sich hinein. »Ich mache selbst weiter und engagiere eine neue Firma. Ich werde mich beschweren. Sie bekommen keine neuen Aufträge mehr.« Mit diesen Worten ließ er die Tür zuknallen und startete den Motor.
»Was ist denn mit dem los?«, fragte Ralf.
»Wir sollten gehen«, sagte Michael und deutete Richtung Ausgang. »Wenn wir nicht türmen, wird uns der Geist in Ruhe lassen. Ich denke, das ist alles, was er will. Ruhe.«
»Und das Geld?«
Michael überlegte einen Moment, beobachtete, wie Bode zu baggern begann. »Das Geld ist mir egal.«
Ralf lächelte, dann wurde er plötzlich kalkbleich.
Michael folgte seinem Blick. Erde bröckelte von dem Löffel zu Boden. Aber darin befand sich noch etwas anderes. »Bei Gott …«
»Sind das …?«
Ein Totenschädel fiel zu Boden. Der Bagger erstarrte in der Bewegung, der Motor verstummte. Aus dem Führerhaus drang gedämpftes Fluchen herüber. Da stürzte auch schon Bode heraus. »Allmächtiger! Das war ein Schädel! Ein echter Schädel!«
»Nicht nur der …«, flüsterte Ralf und näherte sich der Ausgrabung.
Michael folgte ihm. Knochen. Menschliche Knochen. Im ersten Moment hielt er sie für die Überreste der Geisterfrau, doch das konnte nicht stimmen. Sie waren …
»Ein Kind«, sagte Velten.
Michael fuhr zusammen. All seine Männer hatten sich hinter ihnen versammelt. Ihre vorherige Angst schien wie verraucht. Es war, als hätte etwas sie magisch angezogen, als würde eine Macht sie zwingen, die Knochen zu betrachten. Zumindest erschien es Michael so, denn es gelang ihm weder, den Blick abzuwenden noch zurückzutreten.
Da ertöte erneut das Wimmern. Es klang so klagend, dass sein Herz sich schmerzhaft zusammenzog.
Bodes Augen weiteten sich, er keuchte und trat von einem Fuß auf dem anderen. Gelang es ihm ebenfalls nicht, zurückzuweichen? Hinter ihm verformte sich abermals sein Schatten.
Alle standen wie angewurzelt da. Beobachteten mit Entsetzen, wie sich die wimmernde Frau formte und langsam Gestalt annahm. Sie war tatsächlich wunderschön. So wie Ning und Velten es gesagt hatten, doch es war, als trüge sie eine Maske. Keine, die man auf- und absetzen konnte, wie es ihr passte, sondern wie eine Art zweites Gesicht, verborgen hinter all der Schönheit. Etwas Grässliches. Abscheulich und voller Zorn. Immer mal wieder blitzte es durch, so als würde man abwechselnd eine Fensterscheibe fixieren und die Natur, die sich dahinter verbarg.
Michael lief es kalt den Rücken hinunter. Neuerlicher Wind zog auf, er selbst schien leise zu wimmern. Michael fror und wollte die Arme um den Körper schlingen, doch nicht einmal das gelang ihm. Niemand rührte sich. Niemand sagte ein Wort. Selbst Arno Bode war mit einem Mal erstarrt. Die Augen weiterhin geweitet, voller Entsetzen, das Einzige, das ihn von einer Statue unterschied.
Die Geisterfrau betrachtete eine Weile die Überreste, dann sah sie Michael in die Augen. Ihr seltsam zerrissenes Gesicht hellte ein wenig auf. Sie lächelte ihm zu.
Alle Angst wich aus ihm. Er wollte das Lächeln erwidern, doch sein Körper blieb weiterhin starr.
Dann ging alles ganz schnell. In dem Graben entfachte ein kleiner Wirbelsturm, formte einen Leib. Die Maske der Frau verschwand und das Grauen wurde sichtbar. Sie preschte voran, flog genau durch Bodes Körper, ehe sie vor der Windhose innehielt und wartete, bis sich die Gestalt eines kleinen Jungen geformt hatte. Sie sah nun wieder wunderschön aus, wirkte nicht mehr zerrissen. War am Ende das Abscheuliche in ihr bloß die Maske gewesen?
Die beiden Geister umarmten einander, schwebten in die Lüfte, weinend und glücklich. Michael spürte eine angenehme Wärme in sich, die sich langsam ausbreitete. Endlich gelang es ihm, sich zu rühren. Dem erleichterten Seufzen der anderen Männer nach, erging es ihnen ähnlich. Sie alle sahen den beiden Geistern nach, bis sie von dichten Wolken verschluckt waren.
Ein Stöhnen riss Michael aus seinem Staunen. Arno Bode hielt sich die Brust. Sein Gesicht ein Ausdruck des Schmerzes. Er verkrampfte sich, keuchte. Speichel rann ihm über das Kinn.
»Er hat einen Herzinfarkt!«, rief Ralf und eilte zu ihm. Er fing Bode auf und ertastete dessen Puls. Kopfschüttelnd legte er ihn auf dem Boden ab. »Zu spät. Er ist tot.«
Michael sah erneut in den Himmel. Bald würde es regnen. Er hatte seinen Auftrag verloren, und damit die letzte Chance, seine Firma zu halten. Er hatte einem Geist gegenüber gestanden und um sein Leben gefürchtet und dennoch … es ging ihm gut.
»Alles okay, Boss?«, fragte Ralf und klopfte ihm auf die Schulter.
Michael lächelte. Und während Ralf den Notruf ansetzte, flüsterte Michael zu sich selbst: »Ging mir nie besser, mein Freund. Ging mir nie besser.«

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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