Notizen

3 Wörter März 2020
Hypophyse
Treue
Durchfüttern

Notizen

21.02.2020 – Tag 2410

Gestern fand ich ein Notizbuch. Es war unbeschrieben, obwohl es äußerlich so wirkte, als wäre es oft in Gebrauch gewesen. Die Seiten vergilbt, an einigen Ecken angenagt, umgeknickt und fleckig; der Buchdeckel vom Wetter gezeichnet. Ein verwahrlostes Ding, genau wie ich. Ich musste es einfach einstecken. Und hier sitze ich nun und schreibe meinen ersten Eintrag.
Ich lebe schon eine ganze Weile auf der Straße, kenne sogar die exakte Anzahl der Tage. Nie habe ich aufgehört zu zählen. Es hilft mir dabei, mich an Geburtstage zu erinnern und an Feiertage. Das Zählen schenkt mir ein Stück weit Normalität. Tag 2410. Wie viele werden noch folgen?

Letzte Nacht war es sehr schlimm. Mein Geld reichte gerade mal für einen halben Laib Brot. Es war kalt. Ich dachte, ich schaffe es nicht. Doch am Morgen kitzelte ein Sonnenstrahl meine Nase und das Zwitschern der Vögel holte mich ins Leben zurück. Geträumt hatte ich nicht.
Doch ich weiß, dass mich in der nächsten Nacht Träume plagen werden. Träume, die nach Verwesung stinken. Träume mit Augen so milchig, dass sie kaum menschlich wirken. Träume mit abgenagten Gliedmaßen.
Ich sitze hier auf einem Grab, das ich selbst ausgehoben habe. Ich habe es in den frühen Morgenstunden getan und dennoch vermute ich, wären Menschen in der Nähe gewesen, wären sie an mir vorbeigegangen, mit Blicken, starr geradeaus gerichtet, gehetzt und in Eile, um dem Strom des Alltags zu folgen. Sie hätten nichts gesehen, nicht, weil ihnen egal gewesen wäre, dass ich ein Grab schaufle, sondern, weil niemand uns beachtet. Der Mann unter mir war wie ich. Ein weiterer Mann, den keiner vermisst.
Hier verschwinden beinahe täglich Obdachlose. Manchmal tauchen sie wieder auf. Nie in einem Stück, doch an ihrer zerrissenen Kleidung und dem Gestank, der sie umgibt, ist klar, was sie waren. Niemande, so wie ich. Einige kannte ich. Immer Bekannte, niemals Freunde. Wir lassen andere nicht so nah an uns heran, aus Angst, einander zu verlieren. Das ist paradox, ich weiß. Wir sind im Grunde alle gleich. Und wir sind einsam. Dennoch bleiben wir lieber Einzelgänger. Die meisten hatten mal eine Familie, die sie verloren haben. Und viele von ihnen, einschließlich mir, könnten es nicht ertragen, erneut eine Familie zu verlieren. Somit sind wir verbunden und doch allein. Und das macht uns angreifbar.
Wir werden gejagt. Dort draußen in der Dunkelheit lauert eine Gestalt, die hungrig ist. Und obwohl sich auf den Straßen die Leichen türmen, obwohl so viele Menschen verschwinden, steht nichts davon in den Zeitungen. Die Leute sprechen nicht darüber. Sie scheinen es nicht einmal zu wissen. Wir gehören eben nicht dazu. Wir sind wie Schatten, da und dennoch unbeachtet. Wir werden nicht vermisst, also werden wir unsichtbar, sobald die Sonne aufgeht. Deswegen jagt sie uns, die Gestalt. Tötet, frisst sich satt, ohne Sorge, je geschnappt zu werden. Die perfekte Beute.
Ich weiß, sie ist auch hinter mir her. Und ich weiß, dass sie mir dicht auf den Versen ist. Manchmal spüre ich in der Nacht, wie sie mich beobachtet, doch sie greift nicht an. Erst wenn die Verzweiflung in mir so groß geworden ist, dass der Wahnsinn von mir Besitz ergreift, ist meine Zeit gekommen. Vielleicht ist es die Hoffnungslosigkeit, die ihren Appetit fördert, vielleicht ist sie auch bloß ein Sadist. Doch solange nur ein Fünkchen Hoffnung in mir ist, lässt sie mich leben.
Ich schreibe, weil mich etwas jagt. Und, weil ich nicht weiß, wie viel Zeit mir bleibt. Ich schreibe, damit der nächste arme Schlucker, der dieses Notizbuch findet, gewarnt ist.

22.02.2020 – Tag 2411

Werden wir auch nicht gesehen, so beobachte ich alles um mich herum doch ganz genau. Heute Morgen habe ich den Regen auf dem Kanal tanzen sehen. Ich beobachtete, wie ein Schwarm Gänse in leicht unkoordinierter V-Formation gen Süden flog. Ich sah einen Streuner, der zu einer Gruppe Jugendlicher trottete und von ihnen gekrault wurde. Ich sah Menschen an mir vorüberziehen, einige in hektischer Eile, andere schlendernd. So liefen zum Beispiel zwei Jungen an mir vorbei.
»Alter, Check mal deine Hypophyse! Die Tussi ist doch voll hässlich«, sagte der eine von ihnen. Ein dürres Kind mit pechschwarzen Haaren, die ihm dauernd in die Augen fielen.
»Meine was?«, antwortete der andere Junge, der eher pummelig war.
»Na das Ding in deinem Hirn. Falls du überhaupt eins hast.«
»Hast du ausnahmsweise mal in Bio aufgepasst, Alter?«
»Nee! Sowas weiß ich halt.«
Ich grinste und schüttelte den Kopf. Die heutige Jugend und ihre seltsame Sprache. Ein unangenehmer Druck breitete sich in meiner Brust aus und hielt noch an, als die Jungen längst weitergezogen waren. Ich hatte schon immer ein Kind haben wollen. Einen Lausbub, dem ich das Tubaspielen beibringen würde, wie mein Vater mir einst, bevor er mit dem Trinken angefangen hatte. Oder ein zartes Mädel, hübsch und intelligent. Eine, die zu mir aufsah und keinen wertlosen Mistkerl sah, den sie durchfüttern musste, so wie meine Ex-Frau und vor ihr meine Mutter. Kinder, in deren Augen Liebe funkelte. Und Treue. Kinder, die mich trotz all meiner Fehler akzeptierten. Sie hätten mich gerettet, oh ja, das hätten sie. Mit einem Kind, für das ich Verantwortung trüge, hätte ich nie zur Flasche gegriffen.
Heute führt mich mein Weg an einem Spielplatz vorbei. Ich bleibe nie lange, aus Angst für pädophil gehalten zu werden. Betritt ein Schatten wie ich einen solchen Ort, werden wir plötzlich wahrgenommen wie ein gewaltiger Pickel in einem sonst makellosen Gesicht. Die Leute starren und tuscheln. Ich bin diese Aufmerksamkeit nicht gewohnt und vermeide sie, so gut ich kann. Doch ich laufe so oft wie möglich am Spielplatz vorbei. Es beruhigt mich, die Kinder spielen zu sehen und ihr Lachen zu hören. Es lenkt mich ab, von den quälenden Nächten, der Kälte und dem Gefühl, beobachtet zu werden. Und es lenkt mich ab von der Gier nach Alkohol.
Was die Sucht betrifft, ist es gut, wenig Geld zu besitzen. Doch wie jeder Süchtige, werde ich hin und wieder schwach und an besonders schlimmen Tagen, verprasse ich mein erbetteltes Geld für billigen Fusel, statt mir eine warme Mahlzeit zu gönnen. Es geht mir schon besser. In meinen ersten Tagen auf der Straße gab es keine Minute ohne Alkohol im Blut. So geht es vielen hier in Grubingen und nachdem ich anfing, meine Umgebung bewusst wahrzunehmen, bekam ich Angst vor dem, was aus mir geworden war und vielleicht noch werden würde. Ich wollte mich bessern. Nicht mehr jeden Morgen mit einem quälenden Kater erwachen und tagsüber so zittrig sein, dass es mir kaum gelingt, ein Stück Brot an den Mund zu führen.
Ich bin nicht trocken. Es gibt weiterhin Tage, an denen alles aussichtslos erscheint. Tage, an denen ich die Anwesenheit der Gestalt in jeder Sekunde spüre. Tage, an denen ich mich besinnungslos saufe. Aber der Alkohol bestimmt nicht länger über mein Leben. Ich weiß, dass ich es schaffen kann. Und irgendwann, werde ich nicht mehr so kaputt sein. Werde mir eine neue Arbeit suchen. Finde eine Frau, die mit mir zusammensein möchte. Ein Zuhause. Eines Tages. Ich darf nur nicht die Hoffnung verlieren. Niemals aufgeben.

11.03.2020 – Tag 2429

Ich habe einen grässlichen Kater. Es ist eigentlich ein schöner Tag, nicht zu kalt, nicht zu warm, leicht bewölkt. Jedes Mal, wenn die Sonne hervorlugt, ist mir, als würde mein Schädel platzen. Es hat gestern keinen besonderen Anlass gegeben, mich zu betrinken, aber es war einer jener Tage. Tage die hoffnungslos erscheinen. Tage, an denen man eine seltsame Leere verspürt, ohne zu wissen, woher sie rührt. Tage, an denen alles trostlos erscheint, obwohl alle anderen Menschen den herrlichen Tag genießen – so wirkt es.
In den letzten Tagen gab es wenig zu schreiben. Doch heute ist etwas passiert. Ich habe sie gesehen, die Gestalt. Zumindest glaube ich das. Leichtes Rascheln am windstillen Nachmittag machte mich darauf aufmerksam. Ich sah etwas im Gebüsch hocken. Unmöglich zu erkennen, was es war, ob Mensch, ob Tier oder … etwas anderes. Nur einen Moment verharrte ich, dann lief ich einfach weiter, drehte mich nicht um. Doch das Gefühl verfolgt zu werden und beobachtet, lässt mich nicht seitdem mehr los.
Ich habe Angst. Angst, in der Nacht die Augen zu öffnen und die Gestalt zu sehen, wie sie sich über mich beugt, mit einem breiten Grinsen voller haiartiger Zähnen. Ich weiß nicht, was sie ist, aber sie ist immer da. Ist es, weil ich sie gesehen habe? Verfolgt sie mich deshalb? Bislang spürte ich ihre Anwesenheit nur hin und wieder, meistens nachts, doch heute … Bleibe ich stehen, nur für einen Augenblick, steht sie hinter mir. Ich spüre ihren Atem im Nacken. Spüre kalte Finger, die sich um meine Kehle legen. Also laufe ich, laufe und laufe. Ich weiß nicht, wie lange ich noch laufen kann. Ich habe noch nichts gegessen. Kaum etwas getrunken. Meine Füße sind schon wund. Aber ich darf nicht stehenbleiben. Weder am Tage noch in der Nacht.

12.03.2020 – Tag 2430

Ein weiterer Penner ist verschwunden. Ich kenne ihn nicht, aber Jupp, der ständig vor dem Lidl sitzt, hat mir davon erzählt.
»Der alte Rainer, der, der immer mit einen Einkaufswagen durch die Gegend juckelt. Weg! Verschwunden! Am Abend habe ich ihn noch gesehen, wie er einer Horde Weiber nachguckte und ihnen auf die Ärsche glotzte. Und heute Morgen, seh ich nur noch seinen stinkenden Wagen, aber Rainer war weg. Ich sagte zu Friedhelm, sagte ich ›wo is´n der olle Rainer?‹, und nich´mal der wusste Bescheid. Dabei sieht der sonst alles, das sach ich dir.«
Wir sprachen nicht darüber, aber in Jupps Augen konnte ich sehen, dass wir dasselbe dachten: Der Kerl ist längst tot. Seine Leiche wird irgendwann auftauchen, einer von uns wird über sie stolpern und ein weiteres Grab schaufeln.
Ich habe nicht geschlafen. In der Nacht hielt ich mich in der Nähe von Diskotheken und Kneipen auf, um nicht allein zu sein. Nicht allein mit ihr. Ich habe die Mülltonnen nach etwas Essbarem durchforstet und Wasser aus einem Brunnen getrunken. Ich werde weiterhin verfolgt. Was, wenn ich nie mehr schlafen darf? Ich kann mich jetzt schon kaum auf den Beinen halten. Ist das ihr Vorgehen? Saugt sie so jeden Hoffnungsschimmer aus? Ich bin der Nächste. O Gott, ich bin der Nächste.

14.03.2020 – Tag 2432

Ich fange an zu halluzinieren. Zumindest glaube ich das. Oft weiß ich nicht, was echt ist; was nur in meinem Kopf. Ich muss dringend schlafen. Wann darf ich endlich schlafen?

16.03.2020 – Tag 2434

Es gibt einen weiteren Vermissten und eine neue Leiche. Der Tote ist Rainer. Von seinem Gesicht ist kaum etwas übrig. Das könnten Ratten gewesen sein, aber ich weiß, dass es etwas anderes war. Gefunden hat ihn Jupp und auch vergraben. Ich bin froh, dass ich die Leiche nicht entdeckt habe. Ich sehe so schon genug, wenn ich die Augen schließe, wenn ich blinzle und sogar, wenn ich mit schweren Lidern durch die Gegend laufe und versuche, ihr zu entkommen. Manchmal sehe ich sie. Regungslos steht die Gestalt neben einem Baum oder in einer dunklen Ecke. Ein Schatten, nichts weiter. Es ist mir nie möglich, mehr als Umrisse zu erkennen. Manchmal sehe ich den Mann, den ich vergraben habe. Seine Augen … Er zwinkert mir zu. Ist das ein Zeichen? »Sie kommt, um dich zu holen.« Was sonst soll es bedeuten?
Mittlerweile nicke ich immer wieder ein. Oft wache ich völlig desorientiert auf, manchmal schreie ich sogar. Selbst die anderen Penner gehen mir aus dem Weg. Meine Hoffnung ist alles, was mir geblieben ist. Und daran halte ich fest.

17.03.2020 – Tag 2435

Ich höre ihre Stimme. Ein Flüstern, das durch den Wind zu mir getragen wird. Ich höre sie durch die Baumkronen, in der Luft und hin und wieder direkt in meinem Kopf. Es ist eine lockende Stimme. Tröstend. Sanft. Sie sagt mir, dass alles bald ein Ende hat. Ich weiß, dass ich nicht auf sie hören darf. Doch manchmal möchte ich ihr glauben.

19.03.2020 – Tag 2436

Ich habe meine Ex-Frau gesehen. Sie schlenderte durch den Stadtpark und sah glücklich aus. An ihrer Hand lief ein kleiner Junge. Kaum älter als sechs.
Es ist mein Sohn. Ich weiß, dass es so ist. Die Stimme hat es mir gesagt. Ich habe ein Kind und wusste es nicht. Es wurde mir verheimlicht, von der Frau, die ich einst geliebt habe. Eine Familie war alles, was ich immer wollte! Und sie gönnt es mir nicht!
Ich bin zu ihr gegangen. Wollte sie zur Rede stellen, doch Anna ist zurückgeschreckt. Schob den Jungen schützend hinter sich. Ich war außer mir vor Wut. Und dann fiel mein Blick auf meinen Sohn. Große, feuchte Augen wie die einer Kuh. Das Gesicht kalkbleich. Er hatte Angst. Angst vor seinem Vater. Mein Sohn …
Ich verstummte und ließ die Schultern hängen. Alle Anspannung verflog in nur einem Augenblick. Alle Wut, der Anflug von Stolz und Freude. Und die Hoffnung. Plötzlich war nichts mehr in mir, als Leere. Endlose Schwärze, die alles verschlang.
Anna packte den Jungen und rannte davon. Ich lief ihnen nicht nach, sondern stand einfach nur da.

Die Sonne geht bereits unter. Heute Nacht werde ich schlafen. Ich habe keine Angst mehr vor den Blicken der Gestalt und ihrem Atem in meinem Nacken. Das alles ist so normal für mich geworden, dass ich ihre Anwesenheit begrüße. Ihre Stimme schwebt über mir wie ein schützender Schirm bei Regenwetter. Ich werde ihr folgen. Mich ihrer Verlockung nicht weiter entziehen. Etwas sagt mir, dass sie ihr Versprechen hält. Endlich hat alles ein Ende.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Ich fand die Geschichte wirklich gut. Ganz besonders das kleine Easter Egg mit Grubingen hat mir gefallen! ^^

    Einzig ein paar Sätze haben mich gestört. Soweit ich es verstanden habe, waren das alles Einträge in dem Notizbuch. Der Abschnitt “Also laufe ich, laufe und laufe. Ich weiß nicht, wie lange ich noch laufen kann. Ich habe noch nichts gegessen. Kaum etwas getrunken. Meine Füße sind schon wund. Aber ich darf nicht stehenbleiben. Weder am Tage noch in der Nacht.” hat mich deswegen kurz aus der Story rausgeholt, weil ich mir einen Obdachlosen vorstellen musste, der panisch durch die Straßen rennt, während er etwas in ein Notizbuch kritzelt. ^^’

    Den Rest fand ich aber super. Die Atmosphäre, die Einblicke in das Obdachlosenleben, wie du das Wort “Hypophyse” eingebaut hast, der leichte Dialekt bei dem Gespräch mit Jupp und dann noch der Plottwist am Ende! :’D

    Generell also eine meiner Meinung nach sehr stimmige Kurzgeschichte. ^^

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