Der kranke Ed

3 Wörter April 2020
Renitent
Familienfeier
Sprenggranate

Der kranke Ed

1

»Vergiss nicht, deine gute Hose rauszulegen, damit ich sie gleich bügeln kann!«
»Ja, Mutter!«
»Hör auf mich so zu nennen, du weißt, wie sehr ich das hasse, Emil!«
»Jawoll, Mama!«
»Beeil dich, um 15 Uhr sollen wir bei Oma sein!«
Emil seufzte. Ätzend! Jetzt hatte er extra Urlaub und statt zuhause Assassine’s Creed zu zocken, wurde er gezwungen, Zeit mit der Familie zu verbringen. Hab ich erst die dämliche Ausbildung in der Tasche und eine eigene Wohnung, könnt ihr mir gestohlen bleiben.
Sein Handy vibrierte. Gähnend zog er es aus der Hosentasche und entsperrte das Display. Der Newsletter von playstation.com ploppte auf. Emil machte sich nicht die Mühe, ihn zu lesen, sondern schloss die Mail und warf das Smartphone mit einem Knurren aufs Kopfkissen.
»Ätzend, ätzend, ätzend!« Er stapfte zum Fenster. Noch regnete es nicht, doch die dunkle Wolkendecke versprach einen baldigen Wetterumschwung. Ein Mann überquerte die Straße. Er trug eine übertrieben dicke Jacke und lief leicht gebeugt. Sein Gesicht blieb hinter einem Mundschutz verborgen. Alle paar Sekunden rieb er sich mit einem Taschentuch Tränen aus den Augen.
Emil betrachtete ihn eine Weile mit erhobener Augenbraue, dann kam ihm eine Idee. Grinsend drehte er die Heizung auf.
Es dauerte nicht lange, bis sie warm genug war und als Emil sich über die heiße Luft lehnte, grinste er noch immer. Die Hitze trieb ihm den Schweiß auf die Stirn, die unbequeme Haltung ließ seinen Rücken protestieren. Dennoch hielt er durch, bis er glaubte, mit seinem Plan durchzukommen.
Schritte näherten sich aus Richtung Flur seinem Zimmer. Hastig drehte Emil die Heizung aus und sprang unter die Bettdecke. Es klopfte dreimal.
»Ja?«, sagte er so wehleidig wie möglich.
»Hey, hast du mir deine …« Mama hielt inne. Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Du liegst noch im Bett? Es ist schon nach eins!«
»Ich fühle mich nicht gut, Mama.« Emil legte eine Hand an die Stirn. »Ich glaube, ich habe Fieber.«
Skeptisch musterte sie ihn. Dann näherte sie sich dem Bett. »Hm, du siehst tatsächlich etwas fiebrig aus.« Sie befühlte seine Stirn. »Hm.«
Emil hustete.
»Es ist ganz schön warm hier«, sagte Mama. Emil zuckte kaum merklich zusammen. Sie schielte zur Heizung. »Ist die an?«
»Nein!«, sagte Emil schnell. Bitte, fass sie nicht an, dachte er, bitte, bitte, fass sie nicht an.
»Geht es dir wirklich so schlecht?«, fragte Mama, sie sah besorgt aus, gar nervös.
»Ja. Ich glaube, ich muss hier bleiben. Schlafen und so.«
»Es ist nur, dass Omas Zustand sich verschlechtert hat. Wir wissen nicht … Bist du sicher, dass du nicht mitkommen kannst?«
Emil nickte.
Mama betrachtete ihn. Es sah aus, als blickte sie geradewegs durch ihn hindurch. Dann nickte sie kaum merklich und wandte sich ab. »Rufst du sie später an?«, fragte sie auf Höhe des Türrahmens.
»Ja. Sobald ich mich etwas besser fühle.«
Sie sagte nichts und ging.
Emil schlug die Decke zurück. Er streckte sich ausgiebig. Unten hörte er, wie seine Mutter und sein Vater diskutierten. Sie sprachen gedämpft, aber aufgebracht. Er schnappte sich sein Handy und öffnete den angepinnten Whatsapp-Chat.

Bock auf Zocken?

Er wartete geduldig. Das Wort »schreibt« erschien.

Ich dachte, du musst heute zu einer Familienfeier!?

Ich geh nicht hin. Du kannst ab 3 rüberkommen.

Wie du gehst nicht hin?

Emil verdrehte die Augen. Typisch Stephen. Anstatt einfach zu antworten »geil, ich bin gleich da« wird erst einmal diskutiert.

Ich hab vorgegeben krank zu sein.
Kommste jetzt später rüber, oder nicht?

Erneut erschien »schreibt«. Dann nichts. Wieder »schreibt«. Pause. Was überlegte der Kerl nur so lange? Es war schließlich nicht so, als hätte Emil nach einem Plan gefragt, wie man eine Sprenggranate zusammenbaut. Manchmal fragte er sich wirklich, warum die beiden schon seit dem Kindergarten befreundet waren. Verschiedener konnten zwei Menschen kaum sein. Aber vielleicht war ja genau das der Grund.
Endlich, Stephen tippte wieder.

Ich halte das für keine so gute Idee.
Das kann gefährlich sein.

Emil stutzte.

Gefährlich? Meine Eltern werden mindestens
drei Stunden lang weg sein. Wir haben Zeit
ohne Ende!

Nein, ich meine wegen dem kranken Ed.

Hä?

Wieder entstand eine elendig lange Pause. Statt einer Antwort, folgte ein Link. Emil erhob die Augenbrauen und öffnete ihn. Der Link führte zu einer Internetseite, die ›echte Monster‹ hieß. Toller Name, dachte er. Dann kann es sich ja nur um wissenschaftlich belegte Artikel handeln. Er schnaufte. Der richtige Beitrag war bereits geöffnet.
»›Die Legende vom kranken Ed‹«, las Emil. »Bla bla, böser Dämon, bla bla … ›Es heißt, der kranke Ed sei selbst ein Mensch gewesen. Er erkrankte schwer an Tuberkulose und wartete jeden Tag vergeblich auf seine Familie. Niemals erhielt er Besuch. Von Zorn zerfressen versprach er seine Seele einem Dämon‹. Bla bla, mehrere Überlieferungen, bla, verraten vom Dämon, bla. ›Seither sucht er Menschen heim, die Krankheiten vortäuschen. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn eine Krankheit vorgetäuscht wird, um dem Besuch eines tatsächlich kranken Familienmitglieds zu entgehen. Das erweckt den alten Zorn in Ed‹.« Emil kicherte. »›In diesem Falle heißt es, dass Ed keine Ruhe gibt, ehe er den Täuschenden geschnappt hat. Dann sägt er ihm die Beine ab‹.« Er stutzte. »Die Beine absägen. Ich fass es nicht.« Emil schloss den Link und öffnete wieder Whatsapp.

Du spinnst. Dann zocke ich eben ohne dich,
ist auch okay.

Emil warf das Handy zurück aufs Kopfkissen, ohne eine weitere Antwort abzuwarten. Er hatte wenig Lust auf eine Diskussion mit Stephen. Mister Renitent. Mister Ich-glaube-an-alles-und-versuche-jeden-zu-überzeugen-der-ungläubig-ist. Emil lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter den Kopf. Gegen ein bisschen sturmfrei war auch nichts auszusetzen. Er grinste.

2

»Drecks Kopfgeldjäger, du!«, brüllte Emil und warf den Controller zur Seite.
Ein dumpfer laut drang von unten zu ihm ins Zimmer. Er lauschte. Sein alter Herr stellte gerne Gläser so nah an den Rand des Tisches, dass sie dauernd auf den Teppich fielen. Mama meckerte deswegen fast täglich mit ihm, aber er lernte nicht dazu. Emil griff nach der Fernbedienung und drückte die Stumm-Taste. Seine Eltern konnten es jedenfalls nicht sein, die waren gerade mal seit einer Viertelstunde aus dem Haus. Es sei denn, sie haben irgendetwas vergessen, das …
Schritte, die sich näherten.
»Scheiße!«, fluchte Emil, stellte den Fernseher ab und verwischte, so gut es auf die Schnelle ging, alle Beweise. Mit einem Satz hopste er ins Bett. Wartend. Lauschend.
Nichts.
Emil setzte sich auf. Dann schlug er erneut die Bettdecke zurück. Er öffnete die Schlafzimmertür, um in den Flur zu lugen. »Was vergessen?«, rief er.
Keine Reaktion.
»Ich hab mir das doch nicht eingebildet.« Er reckte den Kopf in den Flur, lauschte. Weder Schritte noch Stimmen waren zu hören. Er ging zur Treppe und tapste nach unten. Das Wohnzimmer war ordentlich aufgeräumt, in der Küche stand das Geschirr vom Frühstück, aber er war allein. Emil zuckte die Achseln und wollte gerade zurück zur Treppe gehen, als es oben rumpelte. Er verharrte. Es hatte geklungen, als habe jemand einen Gegenstand gegen die Wand geworfen.
»Okay …«, murmelte er. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. Vorsichtig stieg er Stufe für Stufe empor. Er war allein. Er musste allein sein. Wie hätte jemand in sein Zimmer kommen können, während er unten war? Die Treppe hatte sich immer in seinem Blickfeld befunden. Bis auf die zwei Sekunden, die er sich in der Küche aufgehalten hatte. Unmöglich, dass in dieser Zeit jemand eingebrochen war. Das Fenster? Unwahrscheinlich. Erstens war es geschlossen, zweitens kletterte niemand so einfach in den zweiten Stock. Aber was war es dann? Irgendetwas musste umgefallen sein.
Emil atmete durch und sammelte seinen Mut. Es war lächerlich, ängstlich zu sein. Dafür gab es keinen Grund. Ein letzter Atemzug, dann stieß er die Zimmertür auf.
Leer. Im Zimmer befand sich niemand. Er ließ den Blick schweifen – und erstarrte. Der Controller lag nicht mehr dort, wo er ihn zurückgelassen hatte – auf dem Boden vor dem Fernseher – er lag am anderen Ende des Zimmers. So, als hätte ihn jemand dahingeworfen.
Emil wich zurück. Ein Knarren hinter ihm. Die Treppe! Er wirbelte herum, fasste sich an die Brust, spürte den pochenden Herzschlag. Erneut stutzte er. Auf der Treppe befand sich niemand. Trotzdem, er fühlte sich beobachtet. Ihm war, als stünde jemand auf der ersten Stufe und starrte ihn an.
›In diesem Fall heißt das, dass Ed keine Ruhe gibt, ehe er den Täuschenden geschnappt hat‹.
Emil schluckte.
Ein weiteres Knarren folgte. Dieses Mal eine Stufe höher. Er zuckte zusammen, als wäre in unmittelbarer Nähe ein Luftballon geplatzt. »Das kann nicht sein«, flüsterte er. »Es gibt keinen kranken Ed.«
Als Antwort folgte wieder ein Knarren. Etwas näherte sich ihm. Schleichend, Stufe für Stufe. Ein seltsamer Geruch stieg Emil in die Nase. Es roch nach Desinfektionsmitteln und … es roch, wie in einem Krankenhaus.
Statt eines weiteren Schrittes, folgten dieses Mal drei Stufen in schneller Folge – knarz-knarz-knarz. Emil schrie auf und floh ins Schlafzimmer. Mit lauten Knall schlug er die Tür hinter sich zu, drehte den Schlüssel herum, sodass das Schloss einrastete, und sah sich hektisch um. Irgendetwas musste es doch geben, um die Tür zu verbarrikadieren. Das Bett war zu schwer, die Kommode war zu schwer, der Kleiderschrank ebenfalls. Fernsehtisch und Fernseher waren zu leicht. Gerade als er dennoch zum Fernsehtisch hastete, um ihn zur Tür zu tragen, senkte sich die Türklinke.
Ed!, kreischte sein Verstand. ›Dann sägt er ihm die Beine ab‹. Kopflos sprang er in den Kleiderschrank, schloss von innen die Tür, kniff die Augen zusammen und wippte leicht vor uns zurück. Einen Augenblick lang dachte er an unzählige Filme, in denen sich Menschen in Schränken versteckten, nur um kurz darauf von ihren Verfolgern entdeckt zu werden, und musste sich ein hysterisches Kichern verkneifen. Statt zu lachen, brach er in Tränen aus. Es war so dumm, sich im Schrank zu verstecken. Doch wo sollte er hin? Draußen wartete Ed. Sprang er durchs Fenster, bestand eine 90%ige Wahrscheinlichkeit, dass er sich den Hals brach. Er konnte weder vor noch zurück.
Emil hielt sich die Hände vor Mund und Nase, um seine Atemlaute zu dämpfen. Er atmete, als hätte er einen Marathon hinter sich. War Ed schon im Zimmer? Hatte er nicht eben Schritte gehört? Unregelmäßige, schlurfende Schritte wie von Klumpfüßen verursacht? Zum ersten Mal seit der Grundschule faltete Emil die Hände und betete. Ich hätte nicht lügen sollen, dachte er. Ich hätte zu meiner Oma fahren sollen. Ich weiß, sie ist schwerkrank. Ich hätte die Geschichte von Ed nicht so abtun sollen. Falls es dich gibt, Gott, dann schwöre ich …
Ein Poltern.
Emil suchte nach Griffen, um die Türen zuzuhalten – vergebens.
Mit einem Ruck flogen sie auf. Emil kreischte. Er schrie wie damals, als er während des Spielens in den Gartenteich gefallen war. Mama hatte ihn schnell wieder hinausgezogen, aber alles, was er vor sich gesehen hatte, war Dunkelheit gewesen. Ein Moment, in dem er von völliger Schwärze umgeben gewesen war, nasse, kalte Schwärze.
Jetzt fühlte er sich, als wäre er an diesen Ort zurückgekehrt. Doch dieses Mal zog ihn nicht seine Mutter hinaus, dieses Mal wurde eine Tür aufgerissen, hinter der etwas so Grauenvolles lauerte, dass der bloße Gedanke daran, ihn an den den Rand des Wahnsinns trieb.
Ed packte ihn bei den Schultern. Emil kreischte noch immer, die Augen zugekniffen. Er würde sie nicht öffnen, er durfte sie nicht öffnen, nicht einmal, während Ed ihm die Beine brach.
Er wurde durchgeschüttelt. »Emil! Mein Gott, Emil!«
Emil verstummte. Endlich wagte er es, hinzusehen. Sein Vater stand über ihn gebeucht, die Augen schreckgeweitet.
Emil brach erneut in Tränen aus und fiel seinem Vater in die Arme. »Es tut mir leid!«, heulte er. »Es tut mir so leid! Ich bin nicht krank. Ich habe gelogen. Gelogen! Verzeih mir. Bitte, verzeih mir!«

3

Emil saß zusammen mit seinem Vater am Küchentisch. Es hatte sich beruhigt und zitterte kaum noch.
»Mama fragt sich sicher schon, wo ich bleibe«, sagte sein Vater. »Sie wollte im Auto warten, während ich das Geschenk für Oma hole, das wir liegengelassen haben. Geht es dir wirklich gut? Sollen wir lieber nicht fahren?«
Emil setzte sich blitzartig auf. »Wir müssen fahren. Es ist wichtig!«
»Wir?«
Er nickte. Dann sprang er auf und ergriff die Hand seines Vaters. Er zog daran, zerrte ihn vom Stuhl.
»Okay, okay, ist ja gut. Ich komme schon. Mama wird sich freuen.«
Ein Knarren ließ Emil erstarren. Langsam drehte er sich zur Treppe um. Auf den Stufen stand niemand und doch fühlte er sich beobachtet.
»Alles okay, mein Sohn?«
Erneut nickte er, zwang sich zu einem Lächeln. »Beeilen wir uns, Mama wartet.«
»Ähm, ja. Gut. Bist du sicher, dass du keinen Fieber mehr hast, Emil?«
Emil antwortete nicht, er rannte bereits zum Auto. »Besuchen wir Oma!«

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Eventuell habe ich den kranken Ed gegoogelt, um zu sehen, ob es die Legende wirklich gibt. Sie kommt also an die echten urbanen Legenden definitiv ran! ^^

    Die Geschichte fand ich wieder sehr gut, vor allem, weil sie mal etwas anderes war (zugegeben, so viele deiner Geschichten habe ich noch nicht gelesen). Ein Fehler im Plot ist mir aber aufgefallen:
    Emil schließt ja die Tür zu seinem Zimmer ab. Wenn wir mal davon ausgehen, dass Ed auf irgendeine übernatürliche Weise ins Zimmer gekommen ist, erklärt das trotzdem nicht, wie der Vater dann die verschlossene Tür umgehen konnte. Man könnte jetzt sagen, dass Ed den Schlüssel im Schloss gedreht hat, aber wenn er das tun könnte, könnte er die verschlossene Tür sicherlich komplett umgehen. Wieso sollte er sich also die Mühe machen und Emil ggf. sogar einen Fluchtweg schaffen?

    Abgesehen davon fand ich die Geschichte aber wie gesagt wirklich gut. Ich musste zwar bei dem Namen “Ed” leicht schmunzeln, habe mich aber definitiv gut unterhalten gefühlt! 😀

    1. Nicole Siemer

      Huch! Danke für die Anmerkung, da hast du vollkommen recht😅

      Den Namen Ed finde ich auch lustig😄 “Ed” ist ein kleiner Insider von mir für mich, denn so hieß die Figur in der ersten Geschichte, die ich je geschrieben habe😄

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