Fleisch

3 Wörter Mai 2020
Gramm
Teenie
Gedudel

Fleisch

1

Lydia kuschelte sich tiefer in die Armbeuge ihres Mannes. Es wurde nicht leiser. Stattdessen schien es anzuschwellen. Es machte sie wahnsinnig.
Mit einem entnervten Stöhnen setzte sie sich auf. »Wann hört das Gedudel endlich auf! Ich kriege die Krise!«
Karl lachte. »Vielleicht wenn er 25 ist.«
»Arrggh!« Sie presste die Handflächen gegen das Gesicht. »Ich sollte hochgehen«, dann unsicher: »Soll ich hochgehen?«
Karl zuckte die Achseln. Ihn interessierte die Doku über die zunehmende Übergewichtigkeit der Deutschen mehr, als ihr Ärger. Lydia gab ihm einen leichten Klaps gegen den Hinterkopf.
»Au!«protestierte er, grinste allerdings dabei. »Hör zu, wenn dich die Musik nervt, dann sag es ihm. Aber sei danach nicht traurig, wenn er wieder einen auf bockiges Kind macht. Er ist ein Teenie, Schatz.«
»Ein Teenie, der mich in die Klapse bringen wird. Warum hört er immer diesen schrecklichen Rap. Boschudi oder wie der heißt. Warum keine Klassik oder zumindest guten alten Rock?«
»Bushido. Der ist übrigens schon wieder out. Das ist irgendein anderer. Die klingen alle gleich. Aber, Schatz, nach zwei Wochen, würde dir auch Rock auf die Nerven gehen.«
»Vermutlich.« Sie seufzte theatralisch. »Ich hasse diesen Virus.«
Karl war schon wieder in seine Doku vertieft und brummte nur etwas.
»Ich geh hoch«, sagte Lydia und stand auf. Mit knirschenden Zähnen stieg sie die Stufen hoch. Der Krach, den ihr Sohn als Musik bezeichnete, nahm weiter zu. Vor der Tür hielt sie einen Moment inne, um ihren Zorn hinunterzuschlucken. Die Situation war für sie alle nicht leicht. Noch nie hatten sie so viele Tage durchgehend aufeinander gehockt. Sie klopfte – keine Reaktion. Sie klopfte lauter – nichts. Lydia stöhnte und biss sich auf die Lippen. Nun hämmerte sie mit der Faust gegen das Holz, statt auf eine Reaktion zu warten, drückte sie die Klinke hinunter und stieß die Tür auf.
Sven lag auf dem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, ein Bein angewinkelt, das andere darüber geschlagen und wippte mit dem Fuß zum Takt.
»Hey!«, rief Lydia. Immer noch nichts. Entnervt stapfte sie zur Anlage und drückte die Stopptaste. »Welch Segen«, seufzte sie.
»Ey!«, rief Sven. »Was soll das? Klopfst du nicht an?«
Lydia atmete geräuschvoll aus, bemüht, ruhig zu sprechen, erwiderte sie: »Das habe ich, Kurzer.«
Mist, sie hatte ihn mit dem alten Spitznamen angesprochen, aus dem er mittlerweile herausgewachsen war, wie er ihr vor zwei Jahren so schön mitgeteilt hatte. »Sven, diese dämliche Pandemie geht uns allen auf den Keks, okay? Mach es bitte nicht noch schlimmer, in dem du so laut dein … deine Musik hörst, ja? Mach sie bitte leiser. Dein Vater und ich sehen unten fern.«
Sven grunzte. »Und wenn nicht?«
Lydia rieb sich die Schläfen. Er war mal ein so lieber Junge gewesen. Verdammte Pubertät, wer die erfunden hat … »Ich weiß nicht, Sven, wir könnten dir die Anlage wegnehmen. Und wenn du weiterhin so nett bist, könnten wir dir zudem verbieten, fernzusehen. Ach, und Hausarrest wäre auch eine Option.«
»Ich bin 15!«
»Und?«
Sven verschränkte die Arme vor der Brust. »Was gibts heute Abend zu Essen?«
Sieh an, ein Themenwechsel. »Dein Vater wollte im Garten grillen.«
»Gibts Nackensteaks?«
»Wenn du welche willst, wirst du sie kaufen müssen.«
Sven überlegte kurz. »Dann komm ich wenigstens raus aus diesem Schuppen hier.«
»Du bezahlst sie von deinem Taschengeld.«
»Ma!«
»Weil du so ein lieber Junge bist«, sagte sie grinsend. »Geh am besten direkt zum Schlachter und bring noch einen Braten für morgen mit. Dafür gebe ich dir auch Geld.«
Sven grunzte erneut und rauschte an Lydia vorbei.

2

»Er treibt mich noch in den Wahnsinn, Karl! Was ist aus unserem kleinen Wonneproppen geworden? Er ist kein Teenie, er ist ein Monster!«
»Das geht auch vorbei. In dem Alter waren wir alle nicht leicht zu ertragen.« Karl zog Lydia wieder an sich. Die Doku lief immer noch. Ein übergewichtiges Kind biss in einen Hamburger und bekleckerte sich mit Ketchup.
»Ich hoffe es.« Lydia hatte genug von Fleisch. Sie schloss die Augen.
Leises Schnarchen weckte sie. Im Fernsehen lief irgendein Film. Eine Familie aß Braten. Schon wieder Fleisch. Lydia setzte sich auf und gähnte. Karl saß mit zurückgelehntem Kopf und offenen Mund da, während ihm etwas Spucke am Mundwinkel hing. Sie grinste und erhob sich. Da es so still war, konnte sie nicht allzu lange geschlafen haben, Sven war wohl noch unterwegs. Ihr Blick fiel auf die Uhr, sie stutzte. »Schon nach vier?« Eine ganze Stunde hatte sie geschlafen.
Argwöhnisch lief sie die Stufen hoch zu Svens Zimmer. Es war leer. »Karl?«, rief sie, während sie wieder nach unten eilte. »Karl. Sven ist noch nicht wieder da!«
Karl murmelte etwas, er setzte sich auf, stemmte einen Hand in den Rücken und streckte sich. »Er ist sicher von etwas oder jemandem aufgehalten worden. Du weißt doch, wie Jungs in seinem Alter sind. Wahrscheinlich hat er ein schönes Mädchen gesehen. Oder unterwegs Freunde getroffen.«
Lydia nickte, ihre Sorge blieb. Sie lief eine Weile auf und ab, dann: »Ich such ihn.«
»Lydia …«
»Keine Widerrede. Die Fleischerei ist nicht weit, ich will nur mal nach ihm sehen.«
»Ruf ihn doch an. Er hat bestimmt sein Handy dabei.«
Auf die Idee war sie gar nicht gekommen! Handys! Natürlich! Sie eilte zum Tisch und fand ihres unter einer Fernsehzeitung. Gerade, als sie das Display entsperrte, öffnete sich dir Tür.
Lydia wirbelte herum. »Oh, Gott sei Dank! Wo bist du gewesen?«, schimpfte sie.
Sven schloss die Tür hinter sich. In der Hand hielt er einen großen Braten. Er war erschreckend bleich und sein Blick richtete sich in die Leere.
»Sven?« Jetzt sprach auch endlich Sorge aus Karl. »Alles gut, mein Junge?«
Sven lief zu ihm, drückte ihm den Braten in die Hand und ging ohne ein Wort auf sein Zimmer.
Lydia und Karl wechselten einen Blick. »Das war seltsam«, sagte er. Lydia nickte.

3

Am Esstisch wirkte Sven unverändert. Noch immer fehlte ihm Farbe im Gesicht und er sprach kein einziges Wort.
Karl war dafür gewesen, dem Jungen nicht nachzulaufen, weil er Teenagerprobleme vermutet hatte, doch die Unruhe in Lydia wuchs weiter an, ein Seitenblick zu Karl verriet ihr, dass auch er sich Sorgen machte. Sie entschied, dem Schweigen ein Ende zu bereiten. »Ist irgendwas passiert, Liebling?«
Sven starrte auf seinen Teller. Er schüttelte leicht den Kopf.
»Hast du keinen Hunger? Wieso hast du dir keine Nackensteaks mitgebracht?«
Keine Reaktion.
»Was ist denn bloß mit dir? Sprich mit mir, Sven.«
Nichts. Nur dieser starre Blick auf den Teller. Das Fleisch hatte er kein einziges Mal angerührt.
»Wurdest du unterwegs angesprochen? Ist beim Schlachter was passiert?«
Eine Regung. Ein kaum wahrnehmbares Zucken.
»Also der Schlachter? Hat er dir Angst gemacht? Ich gehe zu ihm und stelle ihn zur Rede.«
Mit einem Ruck hob Sven den Kopf. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft blickte er Lydia direkt an. Die Augen weit aufgerissen, der Körper angespannt. »Geh nicht dorthin«, flüsterte er.
»Warum nicht?«, fragte Karl.
Sven starrte weiter Lydia an.
»Okay«, sagte sie, »ich gehe nicht. Aber du solltest dich ins Bett legen. Du siehst krank aus, Liebling.«
Das sorgte dafür, dass Sven erneut in seinen abwesenden Zustand verfiel. Er stand auf und ging.
»Vielleicht bringe ich ihn ins Bett«, sagte Karl.
Lydia nickte. »Und ich gehe in die Fleischerei.«
»Allein? Ich finde …«
»Schatz, was auch immer da passiert ist, ich habe so viel Wut im Bauch, dass ich es mit einer ganzen Horde beilschwingender Irrer aufnehmen kann. Finde ich heraus, dass die vor den Augen meines Sohnes ein Schwein geschlachtet haben, erhalten die heute noch eine Anzeige von mir.«
Karl nickte. »Nimm aber dein Handy mit, ja? Mir ist das nicht geheuer. Wenn ich in 20 Minuten nichts von dir gehört habe, rufe ich dich an.«
Lydia gab ihm einen Kuss. »Süß, wie du dir Sorgen machst. Mir passiert nichts, ich bin schon groß, weißt du?«
»Ich mache mir eher Sorgen um die Fleischer.« Er grinste.

4

›Neueröffnung!‹, stand in großen Lettern auf einem Plakat. Eine Hand auf rotem Hintergrund war darauf abgebildet, die den Daumen hochstreckte. Lydia dachte eher an eine Facebook-Werbung als an eine Fleischerei.
Ein Schlachter, quasi um die Ecke. Wie sie ihren Sohn kannte, hatte er nicht den längeren Weg auf sich genommen, um zur Fleischerei zu gehen, die sie normalerweise aufsuchten. Er war diesem geschmacklosen Plakat gefolgt. Sie überlegte nicht lange, las den Straßennamen am unteren Ende – Gregorstraße 19 – und lief los.

5

Lydia hielt vor der Fleischerei einen Moment inne. Direkt mit der Tür ins Haus fallen oder freundlich anfragen? Noch bestand die Möglichkeit, dass ihr Junge nicht hier gewesen war. Für den Moment war es besser, die Wut hinunterzuschlucken. Sie nahm einen tiefen Atemzug und trat ein.
Eine Türglocke kündigte ihren Eintritt an. Sofort schlug Lydia der typische Geruch von Fleisch entgegen, zudem bemerkte sie eine weitere penetrante Note – Blut. An der Theke stand ein übergewichtiger Mann, der sie mit einem breiten Grinsen begrüßte.
Lydia ließ ihren Blick schweifen. Drei weitere Kunden befanden sich in dem Geschäft. Zwei ältere Damen unterhielten sich angeregt, einem Mann im beigen Mantel wurde gerade ein eingepacktes Stück Fleisch übergeben. Er lachte über eine Bemerkung des Mitarbeiters, dann wandte er sich ab, nickte Lydia zu und ging. Hier gab es nun wirklich nichts Bedrohliches oder Verstörendes, der Laden wirkte geradezu steril.
Lydia näherte sich dem noch immer grinsenden Fleischer. Er trug ein Namensschild auf dem Herr Hús stand. Ein seltsamer Name, dachte sie.
»Moin, die Dame. Wie kann ich Ihnen helfen?«
Sie überlegte: »Nun, ist es möglich, dass mein Sohn vor einigen Stunden hiergewesen ist? Etwa 1,70 m, strubbeliges blondes Haar, Batman-Shirt.«
»Ja«, antwortete Hús.
Lydia wurde hellhörig. »So? Ist etwas vorgefallen?«
Kurz zuckten die Lider des Mannes, oder hatte sie sich das bloß eingebildet? Er griff sich aus der Auslage ein großes Stück Fleisch und nahm mit der anderen Hand ein Beil. »Offen gesagt«, begann er und ließ das Beil niedersausen. Lydia zuckte zusammen, als es mit einem Knall auf das Fleisch traf. »Ihr Junge ist unerlaubterweise in den Bereich gegangen, der nur für Mitarbeiter zugänglich ist.« Er nickte hinter sich, wo sich ein Durchgang befindet, in den normalerweise eine Tür gehört. Stattdessen wurde er durch einen Vorhang verdeckt. ›Nur für Mitarbeiter‹ stand darauf.
»Tatsächlich?«, fragte sie. »Das ist sonst gar nicht seine Art.«
Hús zuckte die Achseln. »Heute anscheinend schon. Er hat sich vor einem Schweinskadaver erschreckt und dabei eines unserer Gerätschaften umgestoßen, das zu Bruch ging.«
Die beiden Damen hatten ihr Gespräch mittlerweile unterbrochen, die Türglocke erklang, nur noch eine von ihnen befand sich im Laden, sie kicherte. »Das kenne ich gut, mein Junge war genau so ein Lausbub.«
»Wie konnte das passieren«, fragte Lydia Hús. »Müssten Sie nicht dafür Sorgen, dass Kindern so ein Anblick erspart bleibt?«
»Da haben Sie recht«, erwiderte dieser. »Es tut mir sehr leid.«
»Seien Sie nicht zu streng mit ihm«, sagte die Frau und lächelte. »Die Jungs hier sind großartig und das Fleisch ist das Beste, das ich je gegessen habe. Sie haben erst vor einer Woche eröffnet und eine Tür ist schon bestellt, nicht wahr?«
»So ist es.« Hús und auch sein Kollege, ein dürrer, hochgewachsener Kerl nickten.
»Sehen Sie. Ich bin fast jeden Tag hier, um meinen Fleischvorrat aufzufüllen. Ich esse gerne Fleisch.« Sie lachte. »Aber der Gestank ist zwischenzeitlich grauenhaft. Da musste ich einfach wissen, ob dieser jämerliche Vorhang bei Zeiten gegen eine richtige Tür getauscht wird. So ein Vorfall wie mit ihrem Jungen kommt also nie wieder vor.«
Lydia nickte. Sie presste die Lippen aufeinander. Warum mischte die Frau sich überhaupt ein? Typisch alte Leute. Nutzten jede Gelegenheit, um andere in ein Gespräch zu verwickeln. »Danke«, sagte sie. »Also, was hat er kaputt gemacht?«, fragte sie Hús.
Die ältere Frau verabschiedete sich, die Türglocke erklang erneut und schlagartig entspannte Lydia sich. Jetzt gab es zumindest niemanden mehr, der sich einmischte.
»Nur eine Waage«, sagte Hús und grinste wieder.
»Du meine Güte! Das tut mir leid. Ich werde selbstverständlich für den Schaden aufkommen« Sven wird eine ganze Weile auf sein Taschengeld verzichten müssen, das wird ihn freuen.
»Aber nein«, sagte Hús und hob seine fleischigen Hände. In der rechten hielt er noch immer das Beil, an dem Fleischreste und Blut klebten.
»Ich bestehe darauf.«
Er ließ das Beil sinken. »Also gut.«
»Zeigen Sie mir den Schaden und ich zahle Ihnen die entsprechende Summe.«
Hús setzte erneut sein breites Grinsen auf und Lydia fand, dass es ein wenig zu breit war. »Folgen Sie mir.«
Er verschwand hinter dem Vorgang. Die ältere Frau hatte recht, der Gestank, der ihr plötzlich entgegenschlug, war grauenhaft. Sie sah kurz zu dem dürren Fleischer, der sie ausdruckslos anstarrte. Ein bisschen zu aufmerksam, wie sie fand. Ein Schauder lief ihr den Rücken hinunter, dann trat sie ebenfalls durch den Vorhang.
Einen Moment verlor sie die Orientierung. Wohin sie auch lief, befanden sich so etwas wie weiße Planen, die sie zur Seite schieben musste. Dahinter sah sie immer wieder schemenhaft die Leiber toter Schweine, die von der Decke baumelten. Der Gestank nahm zu. Gerade, als sie um Hilfe bitten wollte, hörte sie Hús’ Stimme. »Wir müssen noch einen Raum weiter.« Er befand sich nur wenige Meter vor ihr. Lydia fühlte sich, wie in einem ihrer wiederkehrenden Träume, die sie als Kind gehabt hatte. Dort irrte sie anstelle durch eine Fleischerei, durch die Korridore ihrer Schule. Auch in diesen Träumen hatte es weiße Vorhänge gegeben, durch die Umrisse zu erkennen waren – und etwas folgte ihr. Sie hörte es lachen. Als Kind hatte sie furchtbare Angst vor Clowns gehabt, noch heute jagten sie ihr Gänsehaut über den Körper, aber damals hatte sie mit den Albträumen sehr zu kämpfen gehabt. Sie wusste, dass es ein Clown war, der sie verfolgte. Der ein Messer (ein Beil) in der Hand hielt und lachend durch die Korridore rannte. Auf der Suche nach ihr. Leise schlich Panik an sie heran, umarmte sie, klammerte, festigte den Griff. Doch dann stieß sie mit Hús zusammen, der schon auf sie wartete. Sie entschuldigte sich atemlos.
»Hinter der Tür steht die Waage.«
Fast hätte sie die Tür übersehen. Sie war so in die Wand eingearbeitet, dass sie beinahe unsichtbar erschien. Seltsam.
Hús kramte einen Schlüssel aus der Tasche seines Kittels und öffnete die Tür. Er trat als erster durch, Lydia folgte ihm.
Was sie dann sah, war schrecklicher, als die Gewissheit, von einem Clown verfolgt zu werden, schrecklicher, als sein grauenhaftes Lachen, und was sie hörte, war ein gellender Schrei. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass sie diejenige war, die schrie.
Zwei Männer lagen auf einer Art Seziertisch. Ihre Körper verstümmelt. Einem von ihnen war der Bauch aufgeschnitten und Organe entnommen worden. Dem anderen fehlten die Beine, ein Stück der Bauchdecke und eins der Hüfte.
Der zweite Mann atmete.
Augenblicklich zog sich Lydia der Magen zusammen und sie übergab sich mit solch einer Wucht, dass es schmerzte.
Lydia drehte sich um, torkelte zurück zur Tür, doch Hús versperrte sie. Entkräftet fiel sie auf die Knie, flehte, wimmerte.
»Tut mir leid, aber ich kann Sie nicht gehen lassen. Die Lieferung ist noch nicht eingetroffen. Es wird immer schwieriger, mit Menschen zu handeln. Eine Schande.« Wieder hatte er sein viel zu breites Grinsen aufgesetzt.
Lydia versuchte zu sprechen, doch es kam nur unverständliches Gebrabbel aus ihrem Mund.
»Das mit Ihrem Sohn tut mir leid. Ganz ehrlich. Wir verkaufen kein Fleisch von Kindern. Aber Benni da oben, nun, er ist neu und manchmal etwas zu enthusiastisch. Er führte Ihren Sohn hierher. Glücklicherweise bin ich rechtzeitig gekommen und habe ihm zur Entschädigung ein Stück von dem da vorne gegeben.« Hús deutete auf den halbtoten Mann.
Ein Bild von Sven mit dem Braten in der Hand flackerte auf und Lydia übergab sich erneut.
»Normalerweise holen wir keine Menschen von der Straße, aber wir haben eine Großbestellung und ich denke, ihr Fleisch wird zarter sein, als das der beiden Rentnerinnen von vorhin. Wir haben einen gewissen Standard zu wahren, wissen Sie? Und wenn die Lieferung ausbleibt …«
»Mein Mann …«, keuchte Lydia. »Er wird mich suchen.« Sie kramte in ihrer Jackentasche nach dem Handy.
Hús schnalzte. »Ja, das wird er wohl.« Sein Grinsen nahm an breite zu und nun ähnelte er doch noch einem Clown. Aus der Kitteltasche holte er ein Bolzenschussgerät hervor. »Es ist gleich vorbei.«, sagte er, während der Schatten seines massigen Körpers sich langsam über sie legte.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

Schreibe einen Kommentar

* Ich stimme den Datenschutzbedingungen zu