Echo

3 Wörter Juni 2020
Kneipe
Baby
Echo

Das erste Mal hörte er die Stimme, als er von der Kneipe nach Hause gekommen war. Ein Säuseln drang aus dem Keller an Dwaynes Ohren. Er schob es auf den Alkohol und torkelte ins Bett.
Am nächsten Abend hörte er es erneut. Er verharrte vor der Kellertür, lauschte, starrte auf die Türklinke und wartete darauf, dass das Wesen aus dem Keller heraufkäme. Nichts passierte. In der Nacht tat Dwayne kein Auge zu.
Am Tag darauf schlich er erneut zum Keller und legte ein Ohr an die Tür.
Stille.
Er nahm seinen Mut zusammen und öffnete sie. Tiefe Dunkelheit starrte ihm entgegen. Mit zittrigen Fingern ertastete Dwayne den Lichtschalter. Das Licht vertrieb die Finsternis auf einen Schlag. Ein einfacher Keller mit einer einfachen Holztreppe – nichts weiter. Umzugskartons und Getränkekisten befanden sich dort unten, keine Geister und Monster. Trotzdem blieb ein mulmiges Gefühl in Dwaynes Magen zurück. Was, wenn das Säuseln nur nach Einbruch der Dunkelheit zu hören war? Als er letzte Woche eingezogen war, hatte er geglaubt, er sei allein. Aber vielleicht, war etwas vor ihm hier gewesen.
Dwayne fröstelte. Er betrachtete die Kartons und Kisten. Schwachsinn, dachte er. Ich hab den Kram selbst runtergebracht. Da ist nichts. Um seinen Gedanken zu bestärken, setzte er einen Fuß auf die Stufe. Nach kurzem Zögern, lief er die komplette Treppe hinunter. Er sah sich um. Lauschte wieder. Sein Blick hielt beim Fenster inne. Der Wind, dachte er und grinste über seine eigene Dummheit. Fast hatte er geglaubt, ein Geist würde im Keller hausen.
Dwayne ging wieder nach oben und löschte das Licht. Er kam sich albern vor. Ein Geist. Wie dumm er doch war. Kichernd drehte er sich zum Keller um, legte die Hände wie ein Sprachrohr um den Mund und rief: »Hallo?«
Und gerade als er die Tür schließen wollte, folgte die Antwort.
»Hallo?«, kam eine Stimme aus dem Keller. Seine Stimme.
Dwayne knallte die Tür zu und sprang zurück. Mit wild klopfendem Herzen stand er da, presste den Körper gegen die Wand, starrte auf die Kellertür. Da war etwas in seinem Keller und es imitierte ihn. Er wartete. Gleich würde er Schritte hören. Das Ächzen der Kellertreppe. Das leise Top-top-top, das anschwoll, bis das Wesen die Tür erreichte. Finger, die sich der Klinke näherten. Dwayne blinzelte, um das Bild zu vertreiben.
Als es ihm endlich gelang, sich zu rühren, rannte er zu seinem Handy und wählte die Nummer des Vermieters. Er wusste nicht einmal, wieso er ihn anrief. Was sollte er sagen? Da lebt ein Geist in meinem Keller?
»Hallo«, ertönte es am anderen Ende der Leitung und Gänsehaut breitete sich auf Dwaynes Körper aus.
»Hallo, Herr Hinze, Dwayne hier.«
»Ach, Herr Schuster, schön von Ihnen zu hören. Haben Sie sich schon eingelebt?«
»Oh, äh, ja. Ganz wunderbar. Ich habe da nur eine Frage.« Er zögerte. »Mein Vormieter … Hatte es einen Grund für seinen Auszug gegeben?« Was für eine dämliche Frage. Durfte Hinze überhaupt darüber sprechen? Dwayne wollte sich schon entschuldigen und auflegen, als der Vermieter sagte: »Das ging alles recht schnell. Es gab wohl einen Notfall, nehme ich an, denn der Mann ist überstürzt ausgezogen. Nicht einmal seine Möbel hat er mitgenommen. Geschweige denn Kleidung.«
»Er … er war einfach weg?«
»Ja, weg ist das richtige Wort. Er bezahlte die Miete nicht mehr, also kam ich her und fand die Wohnung leer vor. Kurze Zeit zuvor hatten wir noch miteinander telefoniert, es schien ihm gut zu gehen. Aber er war … na ja, anders.«
Dwayne schluckte. »Was bedeutet anders?«
»Wie nennen die jungen Leute das heute? Gothic? Er zog sich immer düster an und einmal habe ich ihn mit einem dieser Bretter gesehen. Diesen Ohje-Brettern, oder wie die heißen.«
»Ouja.«
»Genau! Düster, aber ein netter Kerl. Nicht, dass Sie denken, ich hätte etwas gegen solche Menschen.«
»Danke, Herr Hinze. Schönen Tag.« Dwayne legte auf. Eine Weile stand er regungslos da, starrte in die Ferne. Dann hob er erneut sein Handy und wählte Karls Nummer.
»Jo«, meldete er sich, »höre ich von dir auch mal wieder was? Beste Freunde am Arsch.«
Dwayne konnte ein Schmunzeln nicht verkneifen. Karl hatte sich nicht verändert. Er sprach noch immer, als wäre er 16 Jahre alt, dabei hatten sie beide längst die 30 erreicht. Immerhin hatte Karl seine Frau und war nicht geschieden – so wie er.
»Karl, halte mich nicht für verrückt, aber es gibt da etwas, das ich dir zeigen muss.«
Seine Neugier war geweckt.
Mit dem Hörer am Ohr lief Dwayne zurück zur Kellertür. Es kostete ihn einiges an Überwindung. »In meinem Keller spukt es.«
Karl lachte schallend. »Du mich auch, Alter. Baby, hör dir das an!«, rief er Lisa, seiner Frau, zu. »Dwayne hat entgültig den Verstand verloren.«
»Das ist kein Scherz! Ich höre eine Art flüstern und heute klang es, als stünde ich dort unten und riefe mir selbst zu.«
»Wie ein Echo?«
»Ja, so ähnlich.«
Er kicherte noch immer. Idiot. »Ich zeige es dir.« Dwayne schluckte und schlich mit ausgestreckter Hand auf die Kellertür zu. Mit zittrigen Fingern öffnete er sie. Wieder starrte ihm tiefe Dunkelheit entgegen. »Hallo?«, krächzte er, räusperte sich und rief erneut, dieses Mal mit fester Stimme: »Hallo?«
Er wartete. Durch das Telefon hörte er Karls pubertäres Gelächter. Es machte ihn wütend. »Vergiss es«, sagte er und legte auf.
»Hallo?«
Dwayne fuhr zusammen. Da war es wieder und erneut hatte es ihn imitiert.
»H-Hallo?«, erwiderte er mit kraftloser Stimme.
Das Echo antwortete.
»Wer ist da?«
»Wer ist da?«
»Ist da unten jemand?«
»Ist da unten jemand?«
»Hör auf damit!«
»Hör auf damit!«
»Scheiße, verfluchte! Halt die Klappe!«
»Scheiße, verfluchte! Halt die Klappe!«
»Bitte«, wimmerte Dwayne, »hör auf!«
»Bitte, hör auf!«
Dwayne knallte die Tür zu. Er lief rückwärts, ohne die Kellertür aus den Augen zu lassen. Manchmal schien sie sich tatsächlich zu bewegen und bei jedem Mal durchfuhr ihn der Anblick wie ein Blitz. »Das sind nur meine Augen«, sagte er sich. »Starre zu lange auf etwas und es fängt an, sich zu bewegen. Aber nicht wirklich.«
Als er sich in sicherer Entfernung wusste, rief Dwayne erneut den Vermieter an. »Ich möchte den Mietvertrag aufheben«, sagte er.
Herr Hinze war empört.
»Ich möchte nicht länger hierbleiben, Herr Hinze.«
»Na, hören Sie mal, Herr Schuster. Es gibt Kündigungsfristen. Der Vertrag ist nicht kündbar, ehe nicht ein Jahr verstrichen ist.«
»Ein Jahr? Das ertrage ich nicht. Ich werde verrückt, Herr Hinze, bitte!«
»Was ist denn los, mein Junge? Sie klingen gestresst. Vielleicht sollten Sie …«
»Es geht mir gut. Ich will nur aus diesem Vertrag raus!« Er schrie in den Hörer, doch Herr Hinze ließ sich nicht beeindrucken. Er redete beruhigend auf Dwayne ein, sagte, dass eine Aufhebung unmöglich sei.
Etwas knarrte. Es klang, wie eine sich öffnende Tür. Erst jetzt bemerkte Dwayne, dass er die Kellertür nicht länger beobachtete, er hatte sich in seiner Aufregung abgewandt. Schritte hinter ihm. Platschende Laute, als rannte jemand barfuß auf ihn zu. Dwayne war wie gelähmt. Ein beklemmendes Gefühl beschlich ihn, umfing ihn, drang in jede Pore seines Körpers. Die Kreatur aus dem Keller stand hinter ihm. Er spürte eine seltsame Kälte, die sich vom Rücken aus ausbreitete.
Herr Hinze sprach noch immer mit ruhiger Stimme, doch Dwayne hörte nicht länger zu. Er ließ das Handy sinken, langsam drehte er sich um. Und mit einem Mal, war er von Dunkelheit umgeben.
Keuchend blickte er sich um. »Wo bin ich? Wo bin ich?«
Ein Lichtstrahl legte sich über ihn, wurde breiter, bis er erkannte, wo er sich befand. Der Keller. Neben ihm lag ein kleiner Haufen Kleidung. Schwarze Hose, schwarzes Hemd, schwarze Schuhe, selbst die Unterwäsche war schwarz. So als hätte sich ein Verrückter überstürzt die Kleider vom Leib gerissen und wäre nackt hinausgerannt. Inmitten dieser Kleidung lag ein Häufchen Asche.
Dwayne folgte mit den Augen dem Licht. Am oberen Ende der Treppe, im Türrahmen, stand er. Ein perfektes Abbild seiner selbst. Dwayne erkannte seinen schlaksigen Körper, die zerzausten Haare. Er hielt sein Handy noch in der Hand und jetzt grinste er. Er grinste sich an. Es grinste ihn an.
Dwayne wollte protestieren, wollte schreien, doch kein Laut entwich seiner Kehle. Es war, als wäre er nicht länger Teil dieser Welt. Als wäre der Keller selbst von der Realität abgeschnitten, trieb dahin, durch einen unendlichen Raum. Durch unendliche Finsternis.
»Entschuldigen Sie, Herr Hinze«, hörte er sich oben sagen. »Ich habe mir einen dummen Scherz erlaubt. Natürlich möchte ich nicht ausziehen. Ich liebe es hier.«
Dwayne öffnete den Mund. Kein Laut entwich seiner Kehle. Er bemühte sich mit aller Kraft, seinen Körper in Bewegung zu setzen. Ohne Erfolg.
Sein Doppelgänger verabschiedete sich und legte auf. Er stand da und grinste Dwayne an. Und dann, ganz langsam, schloss er die Tür.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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