Das Klapprad

3 Wörter Juli 2020
Klapprad
Außerstande
Tellerrand

1

Ein breites Grinsen zierte Alfred Adams Gesicht, als er die frische Luft einatmete und sich die Tür zum Büro hinter ihm schloss.
Rente. Der erste Urlaub seit … ja, seit wann eigentlich? Und dann gleich einer, der bis an sein Lebensende andauern würde.
Wie er ihn gehasst hatte. Den ewig wiederkehrenden Alltag. Stunden, die sich zogen, zäh wie Kuchenteig. Einen Job, den er verachtete. Kollegen, die ihn ausbeuteten. Das war vorbei! Alfred hatte keinen Plan, keine Reiserouten oder Landkarten auf denen er mit Stecknadeln all die Orte markiert hatte, die er besuchen wollte. Doch das schmälerte seine Freude auf die Dinge, die folgen würden, nicht. Welche auch immer das waren.
Alfred setzte sich in Bewegung und blickte nicht zurück. Er schlenderte vorbei an Schaufenstern, an Menschen, die sich wie er auf dem Heimweg befanden oder durch die Stadt bummelten. Zuerst würde er sich zuhause eine heiße Dusche genehmigen. Vielleicht sogar ein Bad. Danach würde er das Stückchen Kuchen essen, dass seit gestern im Kühlschrank wartete, und das er sich für heute aufgespart hatte. Zur Hölle mit dem Diabetes! Jetzt wird gelebt!
In einem der Ladenfenster fiel ihm etwas ins Auge und er blieb stehen. Es handelte sich um einem Ramschladen mit dem Namen: Schmidts Schatzkiste. Aller möglicher Trödel war im Schaufenster ausgestellt worden: Schmuck, Spielzeug, Secondhandkleidung. Aber das war es nicht, was Alfreds Aufmerksamkeit auf sich zog, sondern das alte Klapprad, das inmitten des Plunders stand wie ein Kind im Einkaufszentrum, das seine Eltern verloren hatte. Es sah nahezu unbenutzt aus. Kein bisschen eingerostet. Das silberne Gestell und die blankgeputzten Speichen schienen ihn anzulächeln, ihn zu rufen. Er sah sich bereits durchs Tal radeln, vorbei an traumhaften Landschaften, im Rucksack nur das Nötigste. Eine Fahrradtour quer durch Deutschland. Er besaß genug Erspartes, um mehrere Monate in Hotels zu schlafen.
Alfred lächelte, dann trat er ein.
Eine altmodische Türglocke kündigte seinen Eintritt an. Der Laden wirkte weniger wie eine Schatzkiste, sondern eher wie eine Truhe, die mit allem möglichen Krimskrams auf dem Dachboden abgestellt worden war – und er war irgendwie hineingeraten.
Liebling, wer hat den Alfred geschrumpft, dachte er und schnaufte amüsiert.
Hinter einem Regal mit Halloween-Masken trat ein Mann hervor. Er trug einen Strohhut, hielt die Hände in betender Haltung auf Höhe der Brust und grinste breit. »Guten Tag! Was für ein herrliches Wetter, nicht?«, fragte er mit einem osteuropäischen Akzent.
Alfred nickte: »Das ist wahr. Dabei hatte es laut Wetterbericht heute den ganzen Tag regnen sollen. Darauf ist einfach nie verlass.«
Der Verkäufer kicherte. »Da haben Sie recht. Nun denn, wie darf ich Ihnen behilflich sein?«
Alfred zeigte auf das alte Klapprad: »Für das gute Stück interessiere ich mich. Heute ist der Beginn meiner Rente und es ist an der Zeit für mich, etwas zu wagen, damit …«
»Nein!«, unterbrach ihn der Ladenbesitzer. Er hatte sich vorgeneigt, um an Alfred vorbeizusehen, und lächelte nicht länger. »Das ist unverkäuflich.«
Alfred stutzte. »Wie bitte?«
»Unverkäuflich. Ich verkaufe es nicht.« Er sprach, als hätte er es mit einem Idioten zu tun. Von der vorherigen Freundlichkeit war nichts mehr vorhanden.
»Aber, es ist ausgestellt.«
»Dieser Taugenichts von einem Lehrling hat wieder umdekoriert, ohne das mit mir abzusprechen.« Er sprach mehr mit sich selbst. Dann erneut an Alfred gerichtet: »Wie dem auch sei, ich kann es Ihnen nicht verkaufen.«
»Und warum nicht?«
Die Augen des Verkäufers flackerten für den Bruchteil einer Sekunde. »Nun, es … es ist kaputt.«
»Für mich sieht es tadellos aus.«
Er hob beschwichtigend die Hände, sein Akzent nahm zu. »Kaputt. Die Bremsen, es bremst nicht.«
Alfred ließ sich nicht abbringen, er wollte dieses Rad, auch wenn er die ersten Monate damit verbringen würde, es instandzusetzen. Er kramte sein Portemonnaie aus der Hosentasche. »Gut, wie viel wollen sie? Ich repariere es selbst.«
»Nein, nein! Ich verkaufe es nicht.«
»50? 100?« Er wartete. »150 Euro.« Alfred öffnete die Geldbörse und zählte die Scheine darin. »200 Euro. Mein letztes Angebot. Mehr bekommen Sie für ein altes Klapprad ohnehin nicht.«
Der Ladenbesitzer zögerte. »Ich kann es Ihnen nicht verkaufen.«
»Hier, nehmen Sie es.« Alfred drückte ihm das Geld in die Hand, dann wandte er sich ab, um sich das Rad zu holen.
»Es ist verflucht!«
Erneut drehte er sich zu ihm um.
Der Verkäufer hielt die Hände wieder in betender Haltung vor der Brust, ängstlich schaute er zwischen Alfred und dem Rad hin und her.
»Verflucht? Was soll das bedeuten?« Langsam reichte es ihm. Er wollte sich das Klapprad nehmen und endlich verschwinden. Er hatte es hier offenbar mit einem Verrückten zu tun.
»Es stand eines Tages einfach da. Ich hatte mir nicht viel dabei gedacht, habe es ausgestellt. Dreimal habe ich es verkauft und jedes Mal stand es einige Zeit später erneut bei mir im Laden. Die Menschen, die es mitgenommen haben sind gestorben. Es ist verflucht! Bitte, nehmen Sie es nicht mit. Ich kann das nicht schon wieder verantworten.«
»Sie wussten, Menschen sterben, wenn es gefahren wird und haben es dennoch verkauft?«
Der Mann zögerte. »Ich brauchte das Geld. Ein Laden wie dieser … Ich weiß, es war falsch. Deswegen erzähle ich Ihnen von dem Fluch.«
»Warum haben Sie es nicht entsorgt, wenn das Rad so …«, Alfred suchte nach dem passenden Wort, »bösartig ist?«
Flüsternd: »Ich habe Angst.«
Alfred bemühte sich, ein freundliches Gesicht aufzusetzen. »Nehmen Sie das Geld. Ich steige erst auf das Rad, sobald ich mich vergewissert habe, dass es fahrtüchtig und nicht verflucht ist. Vielen Dank für Ihre Ehrlichkeit.« Er hob das Rad aus dem Schaufenster, öffnete die Ladentür – erneut erklang die Glocke – und schob es hinaus. »Mir wird schon nichts passieren. Einen schönen Tag noch.« Er wartete auf keine Erwiderung und ging.

2

Alfred stand am höchsten Platz der Stadt und überschaute die Gegend. Die Sonne war gerade dabei aufzugehen und tauchte die Häuser und Bäume, die die Straße säumten, in orangefarbenes Licht. Er fühlte sich klein und gleichzeitig wie ein Riese, der imstande war, Berge zu versetzen. Ein Bein auf der Pedale seines neuen Klapprads, einen Rucksack auf dem Rücken, die Sonnenbrille auf der Nase. Der Wind spielte ihm um die Nase, flüsterte ihm Versprechen über Freiheit und Abenteuer zu.
Gestern Abend hatte Alfred damit verbracht, das Rad genau zu inspizieren. Er hatte keine Mängel feststellen können, vermutlich wollte der Verkäufer es selbst behalten. Dabei war nicht einmal ein Hersteller zu erkennen. Das Rad besaß weder Schriftzug noch Aufkleber. Wenn es nicht der Wert war, der den Ladenbesitzer reizte, glaubte er möglicherweise tatsächlich an einen Fluch.
Tja, was soll’s. Alfred schaute bereits über den Tellerrand, eine neue Welt tat sich vor ihm auf und was er sah, gefiel ihm. Flüche existierten nicht. Ein Rückzieher kam nicht in Frage. Er ließ den Blick schweifen und entdeckte in der Ferne eine Frauengestalt. Sie stand am Straßenrand und blickte in seine Richtung. Ihr Haar und das weiße Kleid flatterten geisterhaft im Wind. Außer ihr war die Straße menschenleer. Alfred schaute auf seine Armbanduhr. 6 Uhr in der früh. Die ersten Leute erhoben sich aus ihren Betten, um sich auf die Arbeit vorzubereiten. Zum Glück hatte er das hinter sich.
Er stieß sich ab, umklammerte den Lenker, setzte beide Füße auf die Pedale und rollte den Berg hinab, ohne zu bremsen. Nie hatte er sich besser gefühlt. Nie gesünder, mehr am Leben, nie freier. Alfred lachte, während der Wind ihm entgegenschlug. Die Frau war verschwunden, stattdessen war es, als wäre er der einzige Mensch auf dieser Welt. Der Berg neigte sich dem Ende zu und er begann, in die Pedale zu treten.
Da sah er sie erneut.
Die Frau stand am Straßenrand. Er spürte ihren Blick auf sich, während er an ihr vorbeiraste. Alfred blickte hinter sich. Wieder war die Frau verschwunden.
»Seltsam«, sagte er.
Ein mulmiges Gefühl mischte sich unter die glücklichen Emotionen. Es zog ihm die Eingeweide zusammen und verursachte ein Kribbeln auf der Kopfhaut. Alfred fuhr langsam weiter. Alle paar Sekunden drehte er sich um, erwartete, die Frau erneut zu sehen, er schaute nach links, nach rechts, geradeaus – da war sie wieder. Etwa 100 Meter vor ihm. Sie tat nichts weiter, als regungslos dazustehen und in seine Richtung zu schauen. Obwohl er ihre Augen nicht erkennen konnte, wusste er, dass ihr Blick auf ihn gerichtet war. Irgendetwas an ihrer Erscheinung bereitete ihm Gänsehaut. Erneut passierte Alfred sie und mied es, sie anzusehen.
In seinem Kopf kreisten die Gedanken umher wie Geier über Aas. Er überquerte eine Kreuzung, auf der ihm erstmals Fahrzeuge entgegenkamen. Bis zur Stadtgrenze war es nicht mehr weit. Eine letzte Kreuzung, ein paar Kilometer geradeaus, ein neues Leben, das auf ihn wartete.
Er war nervös, das war alles. Nie zuvor hatte er etwas Ähnliches gewagt wie jetzt, bei Gott, er war ja nicht einmal richtig in den Urlaub gefahren. 40 Jahre Arbeit, ohne ein einziges Mal zu verreisen. Er fürchtete sich. Menschen fürchteten sich immer vor Dingen, die neu und unbekannt waren, nur deswegen bildete er sich ein, eine Frau zu sehen, die wie eine Art böses Omen erschien. In seinem Unterbewusstsein spielte sich das Gespräch mit dem Ladenbesitzer ab und vermischte sich nun mit seiner Angst.
Alfred spürte erneut den Wind auf der Haut und trat ein wenig fester in die Pedalen. Das mulmige Gefühl wanderte mit jedem Gedanken weiter in den Hintergrund. Er näherte sich der zweiten Kreuzung und …
Die Frau stand am Straßenrand und starrte ihn an.
Dieses Mal hatte der Wind die Richtung gewechselt und ihr Haar verdeckte das Gesicht. Wie zuvor breitete sich Gänsehaut auf Alfreds Armen und Beinen aus. Die Härchen im Nacken stellten sich auf und seine Kopfhaut kribbelte unangenehm. Er schnappte nach Luft. Alfred konnte die Ampel durch ihr flatterndes Kleid schimmern sehen. Den Bordstein und eine Dohle, die hinter ihr auf der Suche nach Essbarem umherstreifte. Die Frau war ein Geist.
Er verlor die Kontrolle über das Fahrrad. Es begann zu schlingern, er drückte die Rücktrittbremse – sie versagte. Das Rad raste auf die Kreuzung zu, schien sogar an Fahrt aufzunehmen. Alfred betätigte die Handbremse, wieder und wieder, doch nichts passierte. Dieses Mal erwiderte er ihren Blick. Es war, als konnte er nicht anders. Als zwänge ihn eine unsichtbare Macht dazu, dem Geist in die Augen zu sehen. Ihm war, als blickte er geradewegs in das Meer, die Strömung packte ihn, eine Strömung, die in einem Strudel endete, der ihn verschlingen würde. Alfred war außerstande sich dem Sog zu entziehen.
Ein Lastwagen erfasste ihn.
Alfred wurde durch die Luft geschleudert und landete auf dem Asphalt. Seltsamerweise spürte er nichts dabei außer einer übermächtigen Benommenheit, die seinen Körper lähmte. Er war müde. So müde. Dunkelheit umfing ihn, zerrte an ihm. Am Rande bemerkte er, dass sich jemand über ihn beugte. Ein Mann sprach tonlos auf ihn ein, er bewegte die Lippen, doch kein Wort drang an Alfreds Ohren.
Er drehte den Kopf und sah erneut die Frau. Sie stand neben dem Fahrrad, schaute ihn an, kaum mehr als ein Nebelschleier. Sie verblasste, während die Dunkelheit zunahm. Und als sie Alfred verschlang, galt sein letzter Blick dem Klapprad. Es stand ordentlich abgestellt am Straßenrand und funkelte im Schein der aufgehenden Sonne, so als wäre nichts geschehen.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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