Scrabble

3 Wörter August 2020
Feststoffraketentriebwerk
Bulbille
Priapismus

1

»Priapismus?«, fragte er und lachte. »Du warst schon immer ungezogen, mein Schatz.«
Werner Wiggermann betrachtete das Spielbrett, während er mit der Hand über seinen Bart strich. Er reichte ihm bis zur Brust und er erinnerte sich daran, dass er ihn bereits vor einer Woche hatte stutzen wollen. Die Zeit verhielt sich neuerdings sonderbar. Wie eine Art glitschiger Fisch, der jedes Mal, wenn er probierte, ihn zu packen, seinen Fingern entglitt. Ein rasanter, glitschiger Fisch.
»Was du kannst, kann ich auch!« Er schaute herausfordernd auf, dann nahm er einige der Scrabblesteine in die Hand und legte ein neues Wort an das R von Priapismus. »Fest-stoff-ra-ke-ten-an-trieb. Feststoffrakentanantrieb. Ha!«
Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und reckte das Kinn. »Du bist am Zug.«
Werner wartete, bis Hilde ein neues Wort gelegt hatte, dabei bewegte er Zeige- und Mittelfinger im Takt zu einer Melodie, die ihm durch den Kopf schwirrte, die er aber nicht zuordnen konnte.
»B-u-s«, sagte Hilde. »Bus.«
Werner lachte.
»Sei nicht so gehässig, sonst höre ich auf zu spielen. Ich mochte Scrabble ohnehin nie, du bist derjenige, der es dauernd spielen möchte.«
»Ja, weil es Spaß macht!«
»Dir macht es Spaß, du sturer Bock! Ich wollte Mensch ärgere dich nicht! spielen, aber wie immer hast du entschieden.« Sie verstellte ihre Stimme: »Das ist was für Kinder, Scrabble hält die kleinen grauen Zellen am Leben.«
»Ich sagte, es macht sie wieder schneeweiß. Und hör auf, mich nachzumachen, du garstiges Weib, so klinge ich gar nicht.«
»Jetzt leg schon das nächste Wort!«
Werner und Hilde starrten sich wütend an, dann grinste er und ergriff ihre Hand. »Wir streiten uns, wie ein altes Ehepaar.«
»Weil wir es sind.« Auch Hilde lächelte jetzt. »Morgen spielen wir ein anderes Spiel.«
»Ganz wie du wünschst.« Werner suchte sich weitere Buchstaben zusammen und legte ein neues Wort an ›Bus‹. Dabei neigte er den Kopf zur Seite und lauschte. »Hörst du das? Da sind die Stimmen wieder?«
Ein Flüstern schwebte vom Fuße der Dachbodentreppe zu ihnen herüber. Eine der Stufen knarrte.
»Das ist der Wind.«
»Komischer Wind. Ich schätze, wir sind nicht allein.«
»Ja, ja.« Sie stutzte. »Bulbille?«, fragte Hilde. »Das hast du dir ausgedacht.«
Werner schüttelte den Kopf. »Es steht im Duden.«
Das Flüstern klang mittlerweile, als befänden sich Personen mit ihnen im Raum. Er schaute sich um, konnte aber nichts entdecken.
Hilde wirkte verängstigt. »Lass uns morgen weiterspielen, ja? Mir ist das Gesäusel nicht geheuer.« Sie nahm die Steine vom Spielbrett mit denen Werner das Wort ›Bulbille‹ geschrieben hatte.
»Hey! Was soll das?«
»Du darfst die Steine zurücklegen, wenn ich das Wort nachgeschlagen und tatsächlich gefunden habe. Solange glaube ich dir nicht.«
Grummelnd erhob Werner sich und folgte seiner Frau, die die Treppe hinunterstieg. Dieses Mal knarrte sie nicht.

2

»Ich schwöre ihnen, die Steine haben heute Morgen noch nicht so gelegen. Keins der Worte war gelegt worden. Keins!«
Sybille Seibert fuhr sich mit zittrigen Fingern durchs Haar. Rainer fand, sie sah dabei aus wie seine Mutter, wenn sie zu viel getrunken hatte. Er hob das Mel-Meter, um das elektromagnetische Feld und die Temperatur des Dachbodens zu messen. »Also denken Sie, die Geister gehen auf Ihren Dachboden, um was? Scrabble zu spielen?« Er betrachtete die Auswertung auf dem Display. Keine Auffälligkeiten.
»Da! Sehen Sie!«, rief Sybille mit hysterischer Stimme.
»Was? Was ist denn?« Rainer trat näher an das Spielbrett heran.
»Die Steine haben sich bewegt! Haben Sie es nicht gesehen? Eben stand da noch ein Wort.«
»Welches?« Er versuchte, neugierig und aufgeregt zu klingen und musste ein Gähnen unterdrücken.
Diese Verrückten waren alle gleich. Ein Windhauch und schon meinen sie, ein Geist würde durch ihr Haus wandeln. Kurze Zeit später fingen sie an, Dinge zu sehen, die nicht da waren.
Rainer rieb sich das stoppelige Kinn. Allerdings … er hätte schwören können, dass dort eben wirklich ein weiteres Wort gelegen hatte. Rainer schüttelte den Kopf. Jetzt fang du nicht auch noch an, zu spinnen.
»Lassen Sie uns nach unten gehen, Frau Seibert. Ich habe noch keine Messungen in der Küche und dem Schlafzimmer durchgeführt. Später kommen wir noch einmal hoch, damit ich ein paar Fotos schießen und Tonbandaufnahmen machen kann. Vielleicht haben wir dann mehr Glück, in Ordnung?«
Sybille nickte.
Rainer folgte ihr die Dachbodentreppe hinunter. Sie knarrte. Er hatte es so satt, Häuser nach Geistern abzusuchen. Früher hatte es ihm Spaß gemacht, er hatte sogar manipulierte Tonbandaufnahmen mitgebracht und Lichtreflexe auf Bildern als Geister oder Orbs interpretiert, doch mittlerweile machte ihm seine Arbeit keinen Spaß mehr. So sehr er in seiner Jugend auch glauben wollte, einen Geist hatte er nie gefunden.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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