Schlaflos in Paris

3 Wörter September 2020
Nachts
Laterne
Paris

1

»Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte ihn ein Mann auf Französisch.
Enjo taumelte auf ihn zu, geradewegs in seine Arme. »Doch, es ist alles in Ordnung«, stammelte er auf schlechtem Schulfranzösisch. »Ich bin nur müde.«
»Oh, Sie sind Deutscher. Lassen Sie mich helfen.«
Enjo seufzte erleichtert. Der Fremde sprach zwar mit starkem Akzent, aber er war endlich jemand, der Enjo verstand. Ihm fehlte die Kraft, sich auf Französisch zu unterhalten. Sein Geist wurde von Minute zu Minute umnebelter.
Der Fremde führte ihn zu einer Bank. »Hier, legen Sie sich einen Augenblick hin.«
»Vielen Dank.«
Enjo legte die Beine hoch und schloss die Augen. Alles drehte sich, unter seinen Lidern brannte es, sein Körper war schwer, so schwer. Er musste dringend schlafen.
»Ich bin Philippe.«
»Enjo.«
»Schlafen sie ruhig ein paar Minuten, ich passe auf.«
Enjo spürte, wie er langsam davon driftete. Er sog scharf Luft ein, öffnete die Augen und fuhr hoch. »Das geht nicht. Ich darf nicht einschlafen.«
Philippe war sichtlich irritiert, er setzte sich zu ihm. »Wieso nicht?«
»Das ist eine lange Geschichte, Philippe.« Enjo rieb sich mit den Händen das Gesicht.
»Ich habe Zeit.«
Je mehr er sprach, desto akzentfreier klang er. Erstaunlich, diese Franzosen. Philippe besaß eins dieser Gesichter, denen man sofort vertraute. Normalerweise ging Enjo den Menschen nachts aus dem Weg, vor allem, in einer fremden Stadt wie dieser. Doch Philippe schien er vertrauen zu können.
»Schlafe ich ein, werde ich sterben.«
Es war unmöglich zu erkennen, ob sich Neugier oder Unglaube in dem Blick des Franzosen spiegelte.
»Ich bin weit gereist, um wegzulaufen. Und jetzt bin ich eben hier«, fuhr Enjo fort.
»Vor wem?«
»Eher vor was. Als Kind habe ich viel Zeit auf dem Friedhof verbracht. Mein Vater lag auf einem begraben und obwohl ich mich nicht an ihn erinnern kann, da er kurz nach meiner Geburt gestorben ist, fühlte ich mich ihm dort sehr nahe. An einem Abend unterhielt sich meine Mutter mit einer Bekannten. Ich betrachtete die Friedhofslaterne, in der eine Kerze brannte. Die Flamme faszinierte mich. Sie wirkte irgendwie lebendig und ich konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Das hat etwas in mir ausgelöst, nämlich eine besondere Faszination für Feuer. Danach habe ich pausenlos mit Feuer gespielt. Ich habe Feuerzeuge entwendet, Streichholzschachteln, alles nur, um wieder eine Flamme zu sehen. Das ging so weit, dass ich kleine Lagerfeuer entzündet und einmal sogar unsere Küche in Brand gesetzt habe.«
»Lassen Sie mich raten«, sagte Philippe. »Sie sind ein Brandstifter geworden. Sie haben ein oder gar mehrere Häuser angezündet, vielleicht saßen Sie dafür sogar im Gefängnis und nun laufen Sie entweder vor einem weiteren Strafmaß davon, weil Sie rückfällig geworden sind, oder aber vor Ihrem eigenen Ich. In der Hoffnung, hier in Paris einen Neuanfang zu starten, ein Leben ohne Feuer.«
Enjo kicherte und rieb sich die brennenden Augen. »Das ist eine schöne Geschichte, aber nein. Ich habe nie eine Straftat begangen und saß auch nie im Gefängnis. Dafür hielt ich mich aber häufig in Krankenhäusern auf.«
Phillip wirkte sichtlich irritiert.
»Ich habe ein Herzleiden. Es wurde mir von meinem Vater vererbt und ich trage es schon mein Leben lang mit mir herum. Aufregung schwächt mich, sie kann meinen Tod bedeuten.«
»Und das Feuer lässt Sie aufgeregt werden.«
Enjo nickte. »Irgendwie musste ich meine Faszination in den Griff bekommen. Ein Psychiater half mir dabei, aber es gelang ihm nicht, mein Verlangen in eine Flamme zu schauen zu vertreiben, ich verdrängte ihn bloß. Und der Wunsch manifestierte sich in meinen Träumen.«
»Deshalb dürfen Sie nicht schlafen.«
Enjo stand auf. Das Sitzen ermüdete ihn. »Ich habe seit 72 Stunden nicht mehr geschlafen.«
»Aber wieso jetzt? Sie werden doch schon viel früher angefangen haben, vom Feuer zu träumen. Vermutlich nicht lange nach dem Blick in die Laterne. Wieso dürfen Sie ausgerechnet jetzt nicht mehr schlafen.«
»Seit einer Weile bin ich in meinen Träumen nicht mehr allein. Ich sehe eine Frau. Sie ist blond, attraktiv, ungefähr in meinem Alter. Ihr Haar … ihr Haar ähnelte einer lodernden Flamme. Es war wunderschön«
»Klingt nach Ihrer Traumfrau.«
Enjo schnaufte. »Ja. Zuerst war sie das auch. Wir machten lange Spaziergänge, unterhielten uns, gingen Essen. Sie trug stets eine Zigarette hinter dem Ohr.«
»Ich ahne Böses.«
Die Müdigkeit hüllte Enjos Verstand immer wieder ein. Es war ihm kaum noch möglich, die Augen offen zu halten. »Ich werde heute sterben.«
»Sagen Sie nicht so etwas!«
Überrascht blickte er auf. Ihm war nicht klar gewesen, dass er den Gedanken laut ausgesprochen hatte. »Ich schaffe es nicht mehr viel länger, wach zu bleiben. Manchmal glaube ich, die Frau aus meinen Träumen, will meinen Tod. Aber ich weiß nicht, wer sie ist. Sie war einfach da. Alles was ich von ihr weiß, ist wie ihr Name lautet: Jaqueline Petit. Im Laufe dieser Träume holt sie ein Feuerzeug aus ihrer Hosentasche. Sie steckt sich die Zigarette in den Mund und zündet sie an. Dieser Moment dehnt sich ins Endlose. Wir starren beide auf die Flamme, minutenlang. Und dann plötzlich fragt sie mich, ob wir etwas in Brand setzen wollen.«
»Meinen Sie nicht, es wäre besser, erneut einen Psychiater zu Rate zu ziehen, Enjo?«
Wieder schnaufte er. »Das habe ich versucht, glauben Sie mir. Aber haben Sie überhaupt eine Ahnung, wie lange es dauert, einen Termin zu bekommen? Da kann das Problem noch so akut sein. Ich habe am Telefon sogar gesagt, dass ich um mein Leben fürchte und was hat es mir gebracht? Nichts. Einen Termin im Frühling. Solange kann ich nicht warten, Philippe. Es gibt niemanden, der mir noch helfen kann. Ich bin … am Arsch.« Er kicherte. »Entschuldigen Sie mein Französisch
Philippe machte eine wegwerfende Handbewegung. »Sind Sie auf das Angebot der Frau eingegangen?«
»Ich wollte es. Jedes Mal . Aber … nein, mein Herz schlug schon bei dem Gedanken daran schneller. Ich wusste, was passiert wäre, hätte ich Jaquelines Angebot angenommen.«
»Wie hat sie reagiert?«
Enjo schluckte. Einen Moment starrte er ins Leere, während sich einzelne Szenen vor seinem inneren Auge abspielten. Er musste sich eine Ohrfeige geben, um nicht einzuschlafen. Peinlich berührt schaute er zu Philippe, doch der schien keine Notiz davon genommen zu haben. Er saß vornübergebeugt auf der Bank und wirkte, als hätte er sich in der Erzählung verloren. Dadurch sah er selbst auf seltsame Weise wie ein Trugbild aus.
»Danach wird es unheimlich«, fuhr Enjo fort. »Zuvor erscheint der ganze Traum so real. Ich fühle mich nicht, als würde ich schlafen. Doch sobald ich Jaquelines Angebot abschlage, ist die ganze Welt … verzerrt. Alles wirkt verschwommen und langgezogen und ich höre unheimliche Geräusche, die an Schreie erinnern, nur aus weiter Ferne. Ich kann Dinge erkennen, die an Grabsteine erinnern. Zu diesem Zeitpunkt bin ich mir jedes Mal sicher, dass wir uns auf einem Friedhof befinden. Das einzige, das klar ist, ist sie. Jaqueline zieht an ihrer Zigarette, die aufglüht, und spielt mit ihrem Feuerzeug. Immer wieder lässt sie die Flamme hervorschießen. Ich weiche zurück, weil ich merke, wie mich das Feuer in den Bann zieht, aber es gelingt mir nicht, mich abzuwenden. Ich laufe einfach rückwärts, ohne zu wissen wohin. Und dann …«
Enjo rieb sich das Gesicht. Selbst das Anheben der Arme fiel ihm schwer. Sein Körper fühlte sich an wie Blei.
Philippe rückte noch weiter vor, sodass es aussah, als könnte er jeden Moment von der Bank fallen. Er hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und die Finger ineinander verschränkt. »Was? Was passiert dann?«
»Ich falle. Ich falle in ein Grab. Um mich herum nichts als Mauern aus Sand, zu hoch, um alleine hinauszuklettern.«
»Mein Gott …«
»Dann sehe ich sie dort oben stehen. Jaqueline beugt sich über das … über mein Grab. Ich erkenne ihr Gesicht nicht, sehe allein ihren Umriss, es ist zu dunkel. Nur ihr Zigarettenstummel glüht. Sie greift in ihre Hosentasche, zieht das Feuerzeug hervor und während es brennt, lässt sie es fallen. Es brennt weiter, obwohl das unmöglich ist, denn es ist eins dieser Feuerzeuge, auf die man drücken muss damit sie … Ich sehe, wie das Feuer sich meinem Gesicht nähert. Mehr und mehr. Dann wache ich auf.«
»Das ist heftig!«
Enjo nickte. »Weil mein Herz so raste, wurde ich mehrfach in die Notaufnahme gebracht nachdem ich aufgewacht war. Das konnte so nicht weitergehen, also bin ich davon gelaufen. Seit 72 Stunden bin ich unterwegs, meine Pausen sind kurz. Ich habe viele fantastische Orte in dieser kurzen Zeit besucht.« Er ließ den Blick in die Ferne schweifen. »Paris ist wundervoll. Ein schöner Ort, um diese Welt zu verlassen. Aber …« Er wandte sich wieder an Philippe. »Jaqueline hat mein Leben in Gefahr gebracht und beim nächsten Mal, wird sie es mir nehmen. Deswegen darf ich nicht schlafen, verstehen Sie, Philippe? Ich darf es nicht. Aber wie hält man einen Menschen vom Schlafen ab? Das geht nicht. Irgendwann kommt er und zieht mich mit sich. Und dort wird sie auf mich warten. Jaqueline, mit ihrer Zigarette und dem Feuerzeug. Sie wird dort warten und mich umbringen. Aber ich will nicht sterben! Ich will es nicht!«
Philippe betrachtete ihn nachdenklich. »Meine Freundin ist Psychologin. Möglicherweise kann Sie Ihnen helfen, Enjo.«
Er stöhnte vor Erleichterung. »Das wäre ein Segen! Sie sind ein Segen, Philippe, Sie und Ihre Freundin! Wie heißt sie?«
»Jaqueline.«
Enjo stutzte. »Wie bitte?« Hatte er sich das gerade eingebildet? Halluzinierte er womöglich? »W-wie ist ihr Name?«, fragte er erneut, doch Philippe sah ihn nur an.
Hinter sich hörte er Schritte, die sich näherten.
»Ah, da ist sie ja«, sagte Philippe.
Langsam drehte Enjo sich um. Sein Herzschlag beschleunigte sich und ein dumpfer Schmerz breitete sich in seiner Brust aus. Die Frau, die auf ihn zulief, war attraktiv, mit Haar, die an eine lodernde Flamme erinnerten und einer Zigarette, die hinter ihrem Ohr steckte.
»Nein.« Enjo wich zurück. »Nein, das kann nicht sein.«
»Was ist denn los, Enjo?«, fragte Philippe. »Sie sehen plötzlich blass aus. Geht es Ihnen nicht gut?«
»Bleiben Sie weg von mir!« Er entfernte sich weiter rückwärts von ihnen. »Alle beide! Weg mit euch!« Die Schmerzen in seiner Brust ließen ihn taumeln. Er presste die hohle Hand dagegen. Kalter Schweiß rann ihm in die Augen, er schnaufte wie nach einem Marathon.
»Warte doch!«, rief Jaqueline und griff in ihre Hosentasche. Sie holte einen silbernen Gegenstand hervor, der im Mondlicht mystisch glänzte.
Enjos letzter Tritt ging ins Leere. Dann fiel er. Der Aufprall jagte ihm kleine Blitze durch den Rücken, das Atmen fiel ihm schwer. Er sah den Mond am Himmel und vereinzelte Sterne, doch vor allem sah er die Mauern aus Sand.
»Nein!«, kreischte er. »Nein! Nein!« Enjo krallte die Finger in die Brust. Die Schmerzen raubten ihm Sicht und Atem. Er Schloss die brennenden Augen und ihm war, als umgäbe ihn nicht länger Sand, sondern züngelnde Flammen. Sie umhüllten ihn, ernährten sich von seinem Fleisch, ließen ihn brennen. Er brannte, bis er nichts mehr spürte.

2

»Hallo? Hallo, Monsieur? Was ist mit Ihnen?« Philippe rüttelte den Fremden an den Schultern, den er eben noch dazu aufgefordert hatte, sich kurz hinzulegen. Der Mann hatte so müde ausgesehen.
Er kramte sein Handy aus der Tasche und wählte den Notruf. »Ja, hallo? Mein Name ist Philippe Lefebvre. Ich glaube, ich habe hier einen toten Mann vor mir liegen. Sein Name ist … Enjo, glaube ich. Den Nachnamen kenne ich nicht.

Nein, eben war er noch bei bewusstsein, jetzt rührt er sich nicht mehr. Er hat keinen Puls.

Ja. Ja, kommen Sie schnell. Ich bin auf dem Cimetière de Montmartre und stehe …«, er sah sich um, »direkt neben dem Grab von einer Jaqueline Petit. Bei einer Parkbank.
Danke. Ja, danke, ich warte. Bis gleich.«
Der Krankenwagen ließ nicht lange auf sich warten. Noch vor Ort konnte der Tod des Fremden festgestellt werden. Der Arzt vermutete nach einer kurzen Beschauung in die Augen der Leiche einen Herzinfarkt.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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