Das #3Wörter-Halloween-Special “Talisman”

Vorwort:
Insgesamt 14 Wörter wurden mir von euch vorgegeben. 14 Wörter, die es galt in einer Geschichte unterzubringen. Herausgekommen ist das hier, eine Geschichte über einen Familienfluch und Reue.
Puh, das war gar nicht so einfach
😄. Aber es hat mir eine Menge Spaß gemacht und ich hoffe, das Ergebnis gefällt euch.😅
Viel Spaß also mit »Talisman«. Haltet die Augen offen nach den 14 untergebrachten Wörtern, könnt ihr sie alle entdecken?
🧐

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Rollator, Geisterschiff, Maislabyrinth, Katze, Dämon, Cricket, Igel, Schatten, Schwarz
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Baku, Solaranlage, Eierschalensollbruchstellenverursacher, Bauakte, Photosynthese

Talisman

1

Die alte Villa ragte hinter dem Maislabyrinth auf wie der Kopf eines grotesken Riesendämons und erinnerte in verstörende Weise an das Haus in der Neibolt Street in Derry Maine aus Stephen Kings Es.
Zum ersten Mal seit seines überstürzten Aufbruchs, fragte Favio sich, ob es ein Fehler gewesen war, hierher zu kommen. Aber wo sonst hätte er hingehen sollen? All seine Freunde hatten ganz plötzlich anderes zu tun gehabt oder waren krank geworden. Seine Tanten und Onkel wohnten außerhalb, es blieb nur er.
Außerdem wird es Ma besonders wurmen, wenn sie herausfindet, dass ich zu Opa gegangen bin. Favio grinste. Allein der Gedanke beflügelte ihn aufs Neue und er stapfte los, direkt in das Maislabyrinth hinein.
Von innen wirkte der Mais viel höher, als er von außen erschienen war. Die Lieschblätter wippten auf und ab, vor und zurück, als wäre Favio von lauter Schachtelteufeln umgeben. Und er musste unwillkürlich an seinen vierten Geburtstag vor zwölf Jahren denken, als Onkel Klaus ihm so einen geschenkt hatte.
Favio sah die Schachtel vor sich, die wie ein ganz normales Geschenk erschien. Er wollte es auf der Stelle auspacken! Was für Schätze sich wohl darin verbargen? Doch als er sich der Schachtel näherte, sprang ein Clown heraus. Er wirkte riesig und grinste boshaft.
Der Clown hielt knapp vor Favios Gesicht an, schwang zurück und wieder vor. Favio stand einfach nur da, erstarrt, so als wären alle Knochen und Muskeln aus seinem Körper verschwunden. Nicht einmal weinen konnte er. Dafür machte er sich in die Hose. Es passierte ohne Vorwarnung und erst als der Urin warm seine Beine hinablief, brach er endlich in Tränen aus.
Favio schüttelte den Kopf. Gott, er hasste diese Dinger. Sie jagten ihm noch heute eine Heidenangst ein. Der Wind fegte durch das Labyrinth, brachte die Blätter zum Rascheln, so als liefen Gestalten umher.
Gänsehaut breitete sich auf Favios Armen und Beinen aus und er blieb stehen, um zu lauschen. Hatte er nicht eben Schritte hinter sich gehört? Schritte, die sich rasch näherten?
Da ihm das Labyrinth nicht geheuer war, kehrte Favio um und nutzte den kleinen Feldweg, der um den Mais herum- und direkt zu der alten Villa führte.
»Das Labyrinth würde als super Mutprobe dienen. Nachts hindurch irren und dabei Jeepers Creepers hören. Krasser Scheiß! Ich wette, die Jungs würden sich einnässen.«
Er kicherte, gestand sich allerdings ein, dass er sich wohl am stärksten einnässen würde. So wie er immer bei Horrorfilmabenden mit seinen Freunden am meisten Angst bekam. Er war eben ein kleiner Schisser, daran waren die Jungs gewöhnt und mittlerweile war ihm das längst nicht mehr so peinlich, wie es ihm zu Beginn seiner Teenagerjahre gewesen war.
Ein Igel tapste über den Weg, hielt einen Moment inne, als wollte er abwägen, ob es besser wäre, sich totzustellen oder einfach weiterzulaufen. Er fand anscheinend, dass Favio keine Gefahr darstellte, und tapste weiter, bis er im Maislabyrinth verschwunden war.
»Lass dich nicht vom Creeper fressen, kleiner Freund«, sagte Favio und fuhr zusammen, als eine Katze aus dem Labyrinth schoss. Sie eilte in die entgegengesetzte Richtung, als wäre der Teufel hinter ihr her.
»Scheiße«, murmelte Favio und kicherte nervös.
Je näher er der alten Villa kam, desto weniger unheimlich wirkte sie. Die Schritte fielen ihm nun deutlich leichter. Er freute sich darauf, Opa zu treffen. Wie lange hatte er ihn nicht gesehen? Fünf Jahre? Sechs? Ma und Pa hatten sich mit ihm verkracht, nicht er. Es war nicht fair, ihren Sohn mit in den Streit hineinzuziehen. Wenn Favio seinen Opa sehen wollte, dann besuchte er seinen Opa, verdammt noch mal!
In seiner Hosentasche vibrierte es und Favio zog sein Handy hervor.
»›Ich muss heute lange Arbeiten. Essen steht im Kühlschrank, du brauchst es nur in den Backofen zu schieben und es aufwärmen. Papa ist über Nacht mit Rolf angeln. Kuss, Mama.‹«
Favio schnaufte. Ma hatte nicht einmal bemerkt, dass er ausgebüxt war. Dabei hatte er ihr sogar ins Gesicht geschrien, er würde verschwinden und nie mehr wieder kommen.
»Eltern …« Er steckte das Handy weg und trat gegen einen Kieselstein. »Immer nur ›tu dies, tu das‹, aber interessieren tun sie sich nur für sich selbst. Die werden ihr blaues Wunder erleben, wenn ich heute Abend nicht nach Hause komme!« Wieder lächelte er.
Favio war noch nie von zuhause ausgerissen. Er hatte oft vor seinen Freunden große Reden geschwungen, es bald zu tun, aber letztlich jedes Mal gekniffen.
Doch endlich hatte er es gewagt. Unvorbereitet, ja – er hatte nicht einmal eine Zahnbürste dabei – aber er hatte sich getraut. Und allein das ließ ihn sich fühlen wie Superman. Er war eben kein kleiner Junge mehr. Die Zeiten, in denen Ma und Pa über sein Leben bestimmten, waren vorbei.
Favio blieb direkt vor der Haustür stehen. Sie wirkte seltsam winzig zum Rest des Anwesens.
Hinter ihm rauschte eine Windböe durch das Feld und ließ den Mais erzittern. Favio drückte die Klingel.
Eine Art Tonleiter erklang und sofort wurde er mit nostalgischen Gefühlen überschwemmt. Er hatte Opa immer gern besucht. Opa mochte ein verschrobener alter Mann sein, manchmal etwas unheimlich, aber er war witzig. Und er hatte stets Kekse für Favio im Haus gehabt. Ma und Pa hatten nie Kekse da.
Favio wartete geduldig. Gerade, als er erneut die Klingel drücken wollte, hörte er schlurfende Schritte, die sich langsam näherten. Die Tür war also nicht nur unproportional klein, sondern zudem kein bisschen schalldicht. Sicher würde er nachts den Wind heulen hören, laut wie Schreie, und knarrende Dielen, als wandelten die Toten umher. Favio fröstelte vor Schauder und Aufregung.
Langsam und quietschend öffnete sich die Tür.
»Ja?« Opa erschien ihm Türrahmen. Er hielt sich an einem Rollator fest. Sein Haar war schütter und stand nach allen Seiten hin ab, als wäre er eben erst aufgestanden. Er trug eine Strickjacke und eine graue Hose, die eine Nummer zu groß war.
»Hey, Opa«, sagte Favio. »Ich bin’s!«
Opa blinzelte einige Male, seine Augen wirkten leer und trüb, dann kehrte schlagartig Leben in sie zurück. »Favio?«
»Ja! Wie geht es dir, Opa?«
Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ach, der Rücken, der bringt mich noch um. Was machst du denn hier?«
»Ich komme dich besuchen. Ist das okay?«
Opa schaute kurz an ihm vorbei, als wollte er prüfen, ob seine Tochter und sein Schwiegersohn plötzlich aus dem Maislabyrinth springen und ›Überraschung!‹ brüllen würden. Dann schlurfte er zur Seite, schob den Rollator mit sich und ließ Favio eintreten.
»Hör mal, Opa. Ich würde gerne über Nacht bleiben. Wir haben uns schließlich ewig nicht gesehen.« Favio schluckte. Sicher würde Opa fragen, ob seine Eltern denn einverstanden wären und er wird lügen müssen. Lügen war nie seine Stärke gewesen. Er schwitzte, seine Lider flatterten, er gestikulierte wild. Also hielt er die Luft an und bereitete sich innerlich darauf vor.
»Selbstverständlich, Junge«, sagte Opa stattdessen und Favio merkte, wie ihm die Gesichtszüge entgleisten – er räusperte sich und fing sich wieder.
»Bleib solange du möchtest. Ich freue mich immer, über Gesellschaft.«
»Wow! Danke, Opa. Das wird obercool!«
Opa setzte sich in Bewegung und Favio ging hinter ihm her.
»Es wird langweilig, sich immer nur mit Geistern unterhalten zu müssen.«
Favio kicherte, fand jedoch, dass er sich gequält anhörte.
Er hatte schon früher nicht gewusst, wann Opa scherzte und wann er meinte, was er sagte. Als er noch sehr jung gewesen war – zu jung, wie Ma gemeint hatte –, hatte Opa ihm oft Geschichten erzählt, von Geistern, die nachts durchs Haus schweben und Kreaturen, die draußen umherwandeln. Er hatte nie genug von diesen Geschichten kriegen können. Der Preis dafür waren mehrere Nächte gewesen, in denen er vor Angst schlotternd im Bett gelegen hatte und von Albträumen heimgesucht worden war. Doch die Geschichten waren so spannend gewesen, dass Favio den Preis liebend gern gezahlt hatte.
Opa führte ihn in die Küche und sie setzten sich. »Möchtest du einen Tee, Junge?«
»Nein danke, Opa.« Er sah sich um. »Es sieht hier noch genauso wie in meiner Erinnerung aus. Ich mag dein Haus.«
»Oh, danke meiner Putzhilfe. Ohne sie würde es hier so gruftig aussehen wie ich es bin.« Opa hob die Mundwinkel und entblößte eine Reihe zu perfekter Zähne.
Dieses Mal lachte Favio herzhaft. Das war Opa, wie er ihn kannte. Er besaß mehr Humor als Ma und Pa zusammen.
»Wie gefällt dir das Maislabyrinth?«
»Ich find’s gruselig, aber echt cool.« Die Frage hatte er früher schon häufiger beantworten müssen. Typisch alte Menschen, sie vergaßen alles. »Ich würde gerne mal sehen, wie viel Schi… Angst meine Freunde darin hätten.« Favio lachte dreckig.
»Früher hat es dort nichts als Wiese gegeben. Mein Vater und ich haben viel Zeit mit Cricket verbracht. Damals, als kaum jemand das Spiel gekannt hat und es noch nicht im Fernsehen gespielt worden war. Fernseher hat es damals noch gar nicht gegeben. Kaum auszudenken heutzutage, was?«
Favio schüttelte lächelnd den Kopf. Auch diese Geschichte hatte er früher schon von Opa gehört, aber das störte ihn nicht. Der alte Mann hatte ihm gefehlt.
»Für deine Mutter haben wir ein Maisfeld anbauen lassen und ein Labyrinth daraus gemacht. Heute rennt niemand mehr hindurch, außer die Vogelscheuchen.«
»Und ein Igel. Und ’ne Katze. Ist das deine Katze?«
»Hm? Nein, ich habe keine Haustiere.«
»Achso.«
Opa sah traurig aus. Sicher war er einsam. Und bestimmt fehlte seine Tochter ihm. Favio spürte erneut die Wut, die ihn vor wenigen Stunden dazu gebracht hatte, Ma anzubrüllen und kurz darauf heimlich aus seinem Zimmerfenster zu klettern. Sie war so egoistisch! Hier saß ihr Vater, alt und allein und sie war zu stolz, um ihn zu besuchen.
Er würde das Gleiche tun und nie wieder nach Hause gehen. Opa würde sich freuen, wenn er ihn fragen würde, ob er für immer bei ihm wohnen dürfte, davon war er überzeugt. Favio biss sich auf die Lippen. Es war besser, noch eine Weile zu warten. Er wollte Opa nicht überrumpeln.
»Photosynthese ist ein faszinierender Vorgang«, sagte Opa plötzlich und sprach das Wort wie ›Pfotosinnthese‹ aus. »Ich setze mich morgens gerne auf die Veranda und beobachte den Mais dabei, wie er die Energie der Sonne aufnimmt.«
»Das ist sicher schön.«
Opa nickte. »Die Sonne ist ein wahres Wunder. Ich habe mich nach Solaranlagen erkundigt, aber man hat mir gesagt, man könne sie nicht an das Dach meines Hauses anbringen. So ein Schwachsinn! Die wollten einen alten Mann wie mich nur schnell wieder loswerden. Ich hab alles dabei gehabt, die komplette Bauakte, aber sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Unterlagen zu sichten.«
Ein Spucketropfen flog durch die Luft und verfehlte nur knapp Favios Gesicht. »Wie gemein!«
»Alles Verbrecher!« Opa hob die Hand auf Höhe des Halses, zog einen Anhänger hervor und spielte an der dazugehörigen Halskette herum.
»Was ist das, Opa?«
»Hm? Ach das! Das ist ein Baku.«
Favio konnte sich nicht erinnern, dass Opa schon früher eine Halskette getragen hatte. In seiner Vorstellung trugen Männer nur etwas um den Hals, wenn sie hip Hopper oder ätzende Geldsäcke waren. Sein Opa besaß zwar ein ansehnliches Vermögen, aber wie ein oller Bonze hatte er sich nie benommen. »Ein Bakku?«
»Baku. Komm, ich möchte dir etwas zeigen, Junge.«
Opa führte Favio durch seinen Speisesaal, der seinem Namen alle Ehre machte. Er war zwar nicht so riesig, wie Favio ihn in Erinnerung hatte, aber er war groß. Und irgendwie traurig.
Opa machte sich nicht die Mühe, das Licht einzuschalten. Die Fenster waren hinter schweren Vorhängen versteckt, sodass kaum Abendsonne hindurchkam. In der Mitte stand ein langer Tisch, an dessen Ende ein einsamer Stuhl wartete. Darüber hing ein Kronleuchter, der zwar edel wirkte, den Raum dennoch nicht aufheitern konnte. Bilder oder Gemälde gab es keine. Die Wände waren grau und trostlos.
Früher hatte es Familienporträts gegeben. Der Streit zwischen Opa und Ma musste wirklich ernst sein. Das machte Favio traurig, so traurig wie diesen Raum, würde er leben.
An der Treppe hielten sie inne. Opa setzte sich auf den Treppenlift, der sich sogleich ratternd und im Schneckentempo fortbewegte.
Favio folgte ihm. Er musste die Lippen fest aufeinanderpressen, um nicht in Gelächter auszubrechen.
»Da wären wir«, sagte Opa, nachdem er endlich oben angekommen war. Er stützte sich auf einen Gehstock, der an die Wand gelehnt gestanden hatte, und Favio fragte sich, wieso Opa nicht einfach zwei Rollatoren besaß, Geldmangel war wohl kaum ein Grund dafür. Mit dem Gehstock konnte er viel einfacher fallen und sich den Hals brechen. Er nahm sich vor, Opa schon bald davon zu überzeugen, im Augenblick war er viel zu gespannt, was er ihm zeigen wollte.
Bisher war Favio nie hier oben gewesen. Als der Streit noch nicht geschehen war, hatte er Opa zwar häufig besucht, aber nie bei ihm übernachtet. Er hatte sich oft gefragt, wie es im ersten Stock aussah.
Favio wartete.
Opa schwieg.
Als Favio langsam ungeduldig wurde, fragte er: »Also, was möchtest du mir zeigen, Opa?«
»Wir stehen direkt davor, Junge.«
Favio hob die Augenbrauen und stellte sich neben Opa, um zu sehen, was genau er betrachtete. Es war ein Gemälde. Es zeigte die tosende See unter einem schwarzen Himmel und in der Mitte, eingehüllt in Nebel, ein Schiff, das die besten Tage bereits hinter sich hatte.
Also hatte Opa doch nicht alle Bilder abgehängt.
»Das ist … ein schönes Geisterschiff, Opa.« Favio fand es tatsächlich schön; es wirkte unheimlich und so, als könnte es jeden Augenblick lebendig werden. Er glaubte sogar, ganz leise das Rauschen des Meeres zu hören. Aber es irritierte ihn, dass Opa ihm das Bild unbedingt hatte zeigen wollen.
»Starre nie zu lange hinein.« Es klang, als spräche Opa mehr zu sich selbst.
»Warum nicht?«
Es wirkte, als hätte Opa große Mühe, sich von dem Gemälde abzuwenden, als er den Kopf in Favios Richtung wandte. »Weil es dich sonst nie mehr gehen lässt.«
Favio kicherte nervös. »Willst du mir angst machen, Opa? Wegen dir werde ich heute Nacht schlimme Albträume haben.«
»Wenn du bei mir übernachten möchtest, musst du das wissen, Junge. Es ist sehr wichtig. Sei nur vorsichtig, mehr verlange ich nicht von dir.«
»Ähm, gut.«
»Das Gästezimmer befindet sich gleich dort.« Er zeigte auf die Tür rechts von ihnen. »Es ist bereits hergerichtet. Ich lasse es von meiner Putzhilfe stets mitsäubern, für denn Fall, dass …« Er seufzte. »Nun komm, ich habe Appetit auf Eier. Die meisten Menschen essen sie zum Frühstück, aber mir schmecken sie am Abend am besten. Du kannst mir zur Hand gehen, Favio, meine Hände sind nicht mehr das, was sie mal waren, selbst mit dem Eierschalensollbruchstellenverursacher fabriziere ich gerne ein Malheur.«

2

Zu den Eiern aßen sie Kartoffeln und einen Braten. Favio fand, dass die Eier wenig zu dem Gericht passten, aber das war sein Opa: normal kann jeder. Eine Eigenschaft, die Favio an ihm bewunderte.
Während des Essens sprachen sie kaum. Opa hatte ihn aufgefordert aus einem Abstellraum, der die Größe von Favios Schlafzimmer besaß, einen Stuhl zu holen. Seitdem saßen sie schweigend an dem riesigen Tisch.
Favio kam sich fehl am Platze vor und bemühte sich, nicht zu schmatzen, aufrecht zu sitzen und vornehm zu wirken. Opa schmatzte für sie beide, was vermutlich an seinem Gebiss lag.
»Also, Opa«, sagte Favio, nachdem er aufgegessen hatte. »Du glaubst nicht wirklich, dass dein Bild lebendig ist, oder?«
Opa antwortete nicht, also versuchte er es auf anderem Wege. »Wie lange hast du es schon?«
»Es befindet sich schon ewig in Familienbesitz. Ich habe es von meinem Vater erhalten, der wiederrum von seinem Vater. Es ist unser Familienfluch.«
Er wollte ihm eindeutig Angst einjagen. »Heißt das, dass Mama es eines Tages erben wird? Und dann ich?« Favio überlegte. »Cool. Mir gefällt das Bild, es ist gruselig.«
»Du darfst es niemals unterschätzen, Junge!«
»Opa, nu hör aber auf. Du kannst mir keine Angst machen. Ich bin nicht mehr so ein Angsthase wie früher«, log er.
»Du glaubst mir nicht?«
»Nein.«
Opa musterte Favio einen Moment, dann nickte er zufrieden. »Nun, dann hast du nichts zu befürchten. Der Glaube ist ein mächtiges Werkzeug, aber er kann auch gefährlich sein. Ich habe immer geglaubt, du kämst mehr nach mir, was den Glauben betrifft. Das hat mir Sorgen bereitet, denn nur wer an den Fluch glaubt, der auf dem Bild lastet, kann von ihm heimgesucht werden. Deine Mutter war schon immer … Bei ihr habe ich mir keine Sorgen gemacht.
Trotzdem … Auch wenn du nicht an den Fluch glaubst, solltest du das Gemälde nicht unterschätzen, es besitzt dennoch Macht. Es kann dich vielleicht nicht holen, aber es kann dir den Verstand rauben. Je öfter man das Bild betrachtet, desto mehr nimmt es dich ein, desto schneller verschlingt es, was dich ausmacht. Zurück bleibt nur eine leere Hülle.«
Favio erinnerte sich daran, dass Ma ihm einmal von seinem Urgroßvater erzählt hat, der verrückt geworden war. Kurz vor seinem Tod hatte er wohl nur noch in der Ecke gesessen und unverständliche Dinge vor sich hingebrabbelt.
Und als hätte Opa seine Gedanken gelesen, fügte der hinzu: »Mein Vater besaß keinen starken Glauben, aber das Gemälde hat ihm dennoch alles genommen, was ihn ausgemacht hat. Zu spät hat er die Gefahr erkannt.« Gedankenverloren spielte er an dem Anhänger seiner Kette herum. »Das hier hat er mir kurz vor seinem Tod gegeben. Der Baku. Er mag ein Dämon sein, doch er beschützt mich vor dem Fluch. Er ist ein Talisman.«
Favio betrachtete die Kreatur, die auf dem Anhänger abgebildet war. Sie sah aus wie eine Mischung aus verschiedenen Raubkatzen und einem Elefanten.
»Ich werde dir auch einen Baku geben.«
»Oh, das ist nicht nötig.«
»Doch!«
Favio fuhr zusammen. Opa duldete keinen Widerspruch.
»Dieser Talisman wird die Geister davon abhalten, zu dir zu kommen. Sie dringen durch deine Träume in deinen Kopf ein, aber der Baku wird das verhindern. Er verschlingt die Albträume. Wäre er nicht bei mir, wäre ich längst geholt worden.«
Favio sagte nichts. Das Gerede verunsichere ihn.
»Komm vor dem Zubettgehen kurz in mein Schlafzimmer. Dort habe ich einen Talisman für dich.«
»Okay.«
»Trag ihn und der Baku wird dich vor dem Geisterschiff beschützen, Junge.«
Eine Frage brannte Favio auf der Seele und es gelang ihm nicht länger, sie zurückzuhalten. »Aber … warum habt ihr es nie entsorgt. Das Gemälde meine ich. Warum hast du es nie entsorgt?«
»Ich habe es versucht. Eine lange Zeit. Ich habe es ins Meer geworfen, verbrannt, zerschlagen. Ohne Erfolg, es hing am nächsten Tag wieder an seinem Platz. Einmal habe ich es sogar verkauft. Der neue Besitzer war schon bald tot, ich habe in der Zeitung davon erfahren. Er hatte einen kleinen Sohn, also bin in das Haus eingebrochen und habe das Bild wieder mitgenommen. Ich fühle mich bis heute verantwortlich für den Tod des Mannes, das hat mich verändert. Ich wurde abweisend. Deswegen redet meine Tochter, deine Mutter, nicht mehr mit mir.«
»Aber wenn du ihr davon erzählst, vielleicht …«
»Sie würde mir nicht glauen. Sie glaubt an Wissenschaft, aber nicht an das Unsichtbare. Und sie hört mir schon lange nicht mehr zu.«
»Das tut mir leid, Opa.«
»Ja, mir auch.«
»Hör zu, Opa, ich finde ihr solltet …«
»Ich bin sehr müde. Du musst noch nicht ins Bett gehen, aber wenn du gehst, versprich mir, um das Gemälde einen Bogen zu machen. Sieh nicht hinein.«
»Ich verspreche es dir.« Favio hatte ohnehin keine Lust dazu. Das Gerede hatte ihm sehr wohl Angst gemacht, auch wenn er es nicht zugeben wollte.
Opa stand auf, verharrte einen Moment, murmelte: »Oh, meine Knochen …«, und stützte sich auf seinen Rollator. Dann wandte er sich erneut an Favio: »Vergiss nicht, deinen Talisman abzuholen. Ich werde ihn auf meinen Nachttisch legen, du kannst ihn dir einfach nehmen. Du musst ihn nah bei dir tragen, das ist sehr wichtig. Nur so kann dich der Baku beschützen.« Er wartete einen Augenblick, ehe er hinzufügte: »Ignoriere die Geräusche, die der Nacht folgen werden und achte nicht auf die Schatten. Schlaf gut, Junge.«
Na herzlichen Dank auch. »Nacht, Opa.«

3

Favio entschied sich dazu, keine halbe Stunde nach Opa ins Bett zu gehen. Er hatte eine Weile im Speisesaal gesessen und den Geräuschen der alten Villa gelauscht. Der Wind klang tatsächlich wie leise Schreie.
Oben angekommen, machte er einen Bogen um das Gemälde, mied es, es anzusehen und schlich sich auf Zehenspitzen in Opas Schlafzimmer. Der war bereits eingeschlafen und schnarchte laut. Der Talisman lag wie abgesprochen auf dem Nachttisch.
Favio überlegte kurz, dann steckte er ihn ein.
Die Dielen knarrten unter seinen Füßen, als er erneut an dem Gemälde vorbei ging, um in das Gästezimmer zu gelangen. Ihm war unwohl dabei, das Bild zu passieren, und er atmete erleichtert auf, als er das Zimmer endlich erreicht hatte.
Favio legte den Baku auf den Nachttisch. Ob dieses Ding ihn wirklich beschützen konnte?

4

Ein Knarren weckte ihn. Favio schlug die Augen auf und setzte sich kerzengerade im Bett auf.
Was war das?
Erneut ein Knarren – wie von Holz verursacht.
Im Flur brannte Licht. Favio öffnete den Mund, um Opa zu rufen, schloss ihn jedoch direkt wieder, als er das Meer hören konnte, dass aufgewühlt klang und hohe Wellen, die gegen (das Geisterschiff) etwas schlugen.
In seinem Zimmer war es schwarz wie die Nacht, das Licht von draußen schien irgendwie absorbiert zu werden. Trotzdem fühlte sich sein Bett anders an, als zu dem Zeitpunkt, in dem er sich hineingelegt hatte. Es erschien ihm härter und die Bettdecke dünner, als bestünde sie nur aus einer Wolldecke. Befand er sich noch in demselben Zimmer?
Favio kniff sich in den Arm, unterdrückte einen Schmerzensschrei.
Ich träume nicht.
Ein Schatten huschte an seinem Zimmer vorbei. Schwere Schritte. Da draußen befand sich nicht nur eine Person, es klang eher wie ein ganzer Haufen (untoter Piraten) Menschen. Einer von ihnen hinkte und polterte. Ein Holzbein?
Ignoriere die Schatten und Geräusche, hatte Opa gesagt. Doch wie sollte das gehen?
Laute Stimmen gesellten sich zu den anderen Geräuschen.
Favio versuchte, sie zu verstehen, jedoch klangen sie trotz ihrer Lautstärke seltsam gedämpft. Als befände sich noch etwas zwischen ihnen und ihm als nur die Tür.
Das Bett wankte bedrohlich.
O Gott! Ich bin auf dem Schiff!, kreischte sein Verstand. Ich bin auf dem Geisterschiff! Dem Geisterschiff!
Favio verspürte den Drang, nach Hilfe zu rufen. Befand sich Opa überhaupt noch in der Nähe? Und falls ja, was könnte er schon ausrichten, alt wie er war?
Eine der Gestalten stand nun direkt vor der Tür. Der Lichtstrahl wurde in drei ungleichmäßige Hälften geteilt. Ein Bein der Gestalt wirkte breiter – es war der mit dem Holzbein. Die Türklinke bewegte sich.
Favio zog die Bettdecke bis unter die Nase. Er biss sich auf die Lippen, um nicht zu schreien. Starr vor Schreck war es ihm nicht einmal möglich, zu weinen. Er hatte die Augen weit aufgerissen und starrte auf den geteilten Schatten, der unermüdlich an der Tür ruckelte.
Favio hatte sie nicht abgeschlossen, doch nun war sie es wie durch ein Wunder. Vielleicht war er doch sicher? Sicher würde die Gestalt jeden Augenblick von der Tür ablassen, wenn er bemerkte, dass sie sich nicht öffnen ließ.
Ein Knall. Favio fuhr zusammen und dieses Mal gelang es ihm nicht, einen Schrei zu unterdrücken.
Aufgeregte Stimmen drangen von draußen herein. Sie hatten ihn. Sie wussten nun, dass er sich hier versteckte.
Wieder ein Knall. Der Pirat versuchte, die Tür aufzubrechen. Wie lange konnte sie standhalten?
Endlich rannen erste Tränen Favios Wangen hinab. Er hätte nie von zuhause weglaufen sollen. Er hätte nicht herkommen sollen. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er tastete auf dem Nachttisch umher, fand den Talisman und umfasste ihn mit den Fingern. Dann führte er die Hand zur Brust und presste den Baku dagegen.
Der Lärm von draußen nahm zu. Das Meer toste, die Piraten rannten aufgeregt umher. Der mit dem Holzbein versuchte weiterhin, die Tür einzurennen. Das Schiff ächzte, die Wellen waren nun so hoch, dass Favio fürchtete, aus dem Bett zu fallen. Das ganze Zimmer bewegte sich wie in einer 4-D Simulation. Aber das hier war keine Simulation. Das war echt.
Favio schloss die Augen und dachte an den Talisman.
Da zerriss ein Brüllen den Lärm. Es war so laut, dass Favio vor Schreck den Talisman fallen ließ, ihn aber direkt erneut ertastete und gegen die Brust drückte. Das Brüllen hatte wie ein Löwe geklungen. Die plötzlich aufgetretene Stille war unerträglich.
Wieder ertönte ein Brüllen.
Kreischen folgte.
Männer, die in Panik umherwuselten, im Gleichklang das Tosen des Meeres.
Favio hielt weiterhin die Augen geschlossen, während er den Todesschreien lauschte.

5

Irgendwann verstummten sie.
Vorsichtig öffnete Favio die Augen. Er wagte es kaum, zu atmen. Vor seiner Tür stand wieder etwas. Es schnaufte wie ein Raubtier und er konnte ein leises Knurren hören, das von draußen zu ihm herein drang. Es war die Kreatur, die die Piraten zerfleischt hatte.
Will es als Nächstes mich holen?, dachte Favio und hielt den Talisman weiterhin fest umschlossen.
Das Wesen verharrte vor seiner Tür. Favio wusste nicht, wie lange er schon so dasaß. Waren es Minuten oder Stunden gewesen? Seine Augen schmerzten vor Anstrengung und Müdigkeit und sein Herz machte keine Anstalten, ruhiger zu schlagen.
Dann begann es, heller zu werden. Langsam, zunächst kaum merklich. Favio erkannte das Zimmer, in das er sich schlafen gelegt hatte. Die Bettdecke war nicht bloß eine einfache Wolldecke – nicht mehr. Er ließ den Blick zum Fenster schweifen, die Sonne war dabei aufzugehen. Als er wieder zur Tür sah, war die Kreatur verschwunden.
Endlich ließ Favio die Hände sinken. Es tat weh, die Finger zu entspannen, so sehr hatte er sie verkrampft.
Die Nacht war vorüber. Er hatte es geschafft.

6

»Wie war die Nacht, Junge?«
Favio kaute auf einem Stück Käsebrot herum. »Ganz gut.«
Opa musterte ihn. »Du hast sie gehört, nicht war?«
Ein Schauer lief Favios Rücken entlang und er nickte leicht. »Ich würde gerne nach dem Frühstück nach Hause gehen.« Nur weg von diesem Gemälde, fügte er gedanklich hinzu.
»Es ist gut, dass ich dir den Talisman gegeben habe. Ohne den Baku hätten sie dich mit auf ihr Schiff genommen.«
Favio antwortete nicht. Er bemühte sich krampfhaft, die Erinnerung an die letzte Nacht zu verdrängen.
»Gut, dass es nicht so gekommen ist.«
»Was …«, Favio schluckte das Stück hinunter. »Was wäre passiert, hätten sie mich auf ihr Schiff geholt?«
»Nun, mein Urgroßvater wurde geholt und kehrte nie zurück. Ich war ebenfalls einmal dort, versteckt in einer Kammer, aber ich hatte Glück. Die Untoten wollten die Tür durchbrechen, doch letztlich war es dem Baku gelungen, sie zu vertreiben.
Seitdem ist nichts mehr, wie es war. Es gibt Nächte in denen … lassen wir das.«
Favio schluckte.
»Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist, Junge? Du hast den Talisman doch bei dir getragen, oder?«
»Ja. Ja, habe ich.«
»Gut. Dann bist du in Sicherheit. Mir graut es vor dem Tag, an dem du das Gemälde erben wirst, doch es ist besser, wenn es in unserem Besitz bleibt. Wir kennen seine Macht.«
Favio rührte sich nicht. Er wollte am liebsten aufspringen und rennen. Weg von hier, weg von dem Gemälde.
»Du wirst erst wieder den Fluch zu spüren bekommen, wenn sich das Gemälde in deinem Besitz befindet. Aber du weißt nun, wie du dich schützen kannst.« Opa musterte ihn noch immer. Seine Blicke bohrten sich in Favios Fleisch wie Nadelstiche. »Hätten sie dich auf ihr Schiff geholt in dieser Nacht, wären sie in deine Träume eingedrungen. Sie hätten einen Teil von dir in ihrer Gewalt und kämen jede Nacht wieder.«
Favio schreckte hoch. »Jede Nacht?«
Opa nickte. Er sah traurig aus.
»I-ich, ich muss jetzt gehen, Opa. Wir sehen uns bald wieder, ja?«
An der Tür hielt er Favio noch einmal zurück. »Schwöre mir, den Talisman niemals abzulegen, Junge.«
»Ich schwöre es.«
»Bist du sicher, dass du ihn letzte Nacht getragen hast? Favio, es ist wichtig, dass du nicht auf ihrem Schiff warst. Sonst werden sie dich immer und überall finden. Sie werden keine Ruhe geben, bis … Ich hatte dir gesagt, du sollst den Talisman tragen. Hast du das? Das Gemälde wird ansonsten versuchen, dich von dem Baku zu trennen.«
»Keine Sorge, Opa. Ich habe nur Geräusche gehört und Schatten gesehen. So, wie du gesagt hast. Es geht mir gut. Ich werde mir eine Kette zulegen und den Talisman um den Hals tragen. Mach dir keine Sorgen.« Favio lächelte und wandte sich ab.
»Ich hoffe es, Junge.«
Favio hob die Hand zu einem Winken und machte sich über den Feldweg auf den Heimweg. Er spürte die alte Villa hinter sich, als würde ihn etwas darin rufen. Er holte sein Handy aus der Hosentasche – keine Nachricht, kein verpasster Anruf. Seine Eltern hatten sein Verschwinden nicht bemerkt.
Neben ihm raschelte der Mais und kurz glaubte er, ein leises Knurren gehört zu haben.
Er hätte auf Opa hören sollen, das hatte er nun davon. Hätte er das getan, wäre er nun nicht verflucht. Er hätte gar nicht erst von zuhause weglaufen sollen.
War das die Strafe für sein Handeln? Ein Teil von ihm wollte umdrehen. Wollte zu Opa zurück und ihm die Wahrheit sagen, aber er schämte sich zu sehr.
Favio hatte das Gefühl, als zog etwas an ihm. Als versuchte eine Macht, ihn mit sich zu nehmen. Er holte den Talisman aus seiner Hosentasche und drückte ihm, bis es schmerzte. Das Gefühl nahm ab, dennoch blieb ein leichtes Unwohlsein zurück.
Würde er jetzt jede Nacht um sein Leben fürchten müssen? Oder war es am Ende doch alles bloß ein Traum gewesen? Herbeigeführt durch die Geschichte eines alten Mannes und zu viel Fantasie?
Ihm blieben etwa 15 Stunden, ehe er sich erneut ins Bett legen würde. 15 Stunden, bis er es herauszufinden würde.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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