Die Wachsfigur

3 Wörter für den November:
Eklat
Dachboden
Wachsfigur

1

Sie stand eines Morgens plötzlich da.
Autos schlichen durch den Verkehrskreisel, um sie zu betrachten. Eine Wachsfigur. Präzise ausgearbeitet und zu einem Bauern geformt. In der Hand hielt er eine Heugabel, die er gen Himmel streckte.
Wie eine Vogelscheuche thronte der Bauer auf der Verkehrsinsel, doch statt die Vögel zu verscheuchen, schien er sie magisch anzuziehen. Sie setzten sich auf Kopf und Schultern und auf die Spitzen der Heugabel.
KRA KRA ertönte es immer wieder, während Passanten das Kunstwerk fotografierten.
Als ein Wagen des Bauhofs die Wachsfigur entdeckte, rief der Fahrer sofort die Polizei.
»Ganz recht. Ich kann Ihnen nur das schildern was ich sehe. Hier wurde eine Wachsfigur abgestellt und so weit ich es mir denken kann, ohne jegliche Genehmigung.«
Die Polizei ließ nicht lange auf sich warten und inspizierte unter den Augen vieler Schaulustiger das Modell aus Wachs.
»Irgendetwas stimmt hier nicht«, sagte Wachtmeister Wilbers.
»Was meinst du?« Wachtmeister Siebert konnte nichts Seltsames feststellen. Nicht, dass er Ahnung von Kunstwerken aus Wachs gehabt hätte, aber die Figur sah aus, als hätte sich jemand sehr viel Mühe bei der Arbeit gegeben. Sie wirkte ein wenig unheimlich durch den starren Blick und mit der Heugabel in der Hand, aber das war auch alles. Möglicherweise hatte sie einer dieser Halloween-Narren hier platziert. Das Fest lag zwar schon einen Monat zurück, doch für diese Gruselfans war im Grunde jeder Tag Halloween.
»Nur so ein Gefühl«, sagte Wilbers. »Wir sollten das Ding lieber wegschaffen und genauer unter die Lupe nehmen.«
Siebert nickte. »Weg muss das Teil eh.«

2

In einer kleinen Seitengasse stand Giuseppe Gismondi und beobachtete die Beamten.
»Ganz schön schwer«, grunzte der Polizist, der die Schultern der Wachsfigur trug.
Giuseppes Kleidung klebte an ihm wie ein feuchtes Pflaster. Wie war seine Figur nur hierher gekommen? Er hatte sie doch auf dem Dachboden zurückgelassen. Unbewusst berührte er mit dem Daumen die Stelle, an der vor einem Monat noch sein Ehering gesteckt hatte.
Jemand musste auf den Dachboden gestiegen sein und seine Figur hierher getragen haben. Aber warum? Und wie? Es hatte keine Anzeichen für einen Einbruch gegeben. Die Figur war am nächsten Morgen einfach nicht mehr da gewesen. Und jetzt stand sie hier. Für alle Augen sichtbar, als wäre sie eins seiner Ausstellungsstücke.
Aber das war sie nicht. Das hätte sie nie sein sollen. Nie!

3

»Die Figur ist zu schwer, findest du nicht?« Wilbers bog auf den Parkplatz zum Revier ein.
»Ja, und wir dürfen sie gleich schleppen.« Siebert schnaufte.
»Nein, ich meine, ich finde sie ist zu schwer dafür, dass sie nur aus Wachs besteht.«
»Keine Ahnung. Wie viel wiegt so ein Klumpen Wachs?«
»Was fragst du mich?«
»Na, du bist doch der, der an dem Ding etwas Verdächtiges festgestellt hat. Wo genau sollen wir sie eingentlich unterbringen?«
Wilbers zuckte die Achseln. »Irgendwo, wo Platz ist. Da wird sie gelagert, bis wir den Künstler finden. Der darf dann eine Geldstrafe zahlen, weil er die Figur unerlaubt in aller Öffentlichkeit ausgestellt hat und schon hat sich die Sache erledigt.«
Die beiden Polizisten stiegen aus. Sie öffneten den Kofferraum, um die Wachsfigur herauszuheben.
»Warte«, keuchte Siebert. »Nicht so schnell, ich hab sie noch nicht …« Sie rutschte ihm aus der Hand. Mit einem seltsam dumpfen Laut landete die Figur auf dem Boden und platzte auf.
»Großer Gott«, murmelte Wilbers.
»Scheiße. Das ist … Scheiße, Wilbers, das ist …«
»Ich weiß.«

4

Giuseppe kauerte in der Ecke seiner Zelle. Er hatte sich einfach stellen müssen. Sonst wäre es ohnehin nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Polizei ihn erwischt hätte und das hätte nur dafür gesorgt, dass seine Strafe letztlich härter ausfiele. Die Wachsfigur war zu offensichtlich gewesen. Es gab kaum Künstler in dieser verdammten Stadt. Und nur wenige erstellten Formen aus Wachs. Und kaum einer war so erfolglos wie er.
Er wusste noch immer nicht, wie die Figur auf die Verkehrsinsel gelangt war. Hatte er sie in einem Anflug von Fieberwahn selbst dorthin gestellt? Weil seine Schuldgefühle die Oberhand gewonnen hatten?
Oder war die Figur gar selbst dorthin gewandelt? Eine letzte Tat von Maria, ehe sie diese Welt für immer verlassen hatte? Als Akt der Rache?
Giuseppe betrachtete die Stelle seines Fingers, an der sein Ehering gesteckt hatte, bis zu jenem Abend, an dem er ihn im Abfluss versenkt hatte. Eine Woche bevor es passiert war.

»Hab ich dich endlich gefunden, du Mistkerl!«
»Maria!«
»Du glaubst doch nicht wirklich, dass du mir entkommen kannst! Du stielst meine Bilder, holst dir meinen Profit und verschwindest einfach?«
»Ich habe einen Fehler gemacht. Deine Kunst hat einfach mehr Anklang gefunden, ich wollte doch nur … Ich wollte nicht, dass es so weit kommt!«
Maria Gismondi schnauft verächtlich »Ich will mein Geld, Giuseppe. Andernfalls gehe ich an die Öffentlichkeit. Ich sorge dafür, dass niemand mehr deine lausigen Figuren haben will. Auch nicht die kleinen Versager, die dein Geschmirr und deine lächerlichen Wachsfiguren nur aus Mitleid in ihre unbedeutenden Galerien stellen. Du bist ein Versager und du wirst immer einer sein.«
Giuseppe ballt die Hände zu Fäusten. Wie kann sie es wagen, so mit ihm zu sprechen? Seine eigene Frau? Hatte er sie nicht aus einem lieblosen Elternhaus befreit? Hatte er ihnen kein Heim besorgt? Hatte er sie nicht immer in ihrer Kunst unterstützt, obwohl er der wahre Künstler ist? Er hat nur … Pech gehabt. Das ist alles. Es ist sein Recht als ihr Ehemann, ihre Kunstwerke zu nehmen und zu verkaufen. Ohne ihn wäre sie doch nie mit dem Malen angefangen!
»Ich bin fertig mit dir, Giuseppe!«, brüllt Maria. Ihre Stimme klingt wie Kreide auf einer Schiefertafel.
Warum hält sie nicht den Mund? Warum hält sie nie den Mund?
Ein Röcheln holt Giuseppe ins Hier und Jetzt zurück. Er hat seine Finger um den Hals von Maria gelegt. Ihm ist, als wären es nicht seine Hände, als sähe er sich dabei zu, wie er zudrückt.
Ein Teil von ihm, will aufhören, doch der andere Teil genießt das Gefühl der Macht zu sehr. Genießt die erstickenden Laute und den Ausdruck der Angst in Marias Augen. O ja, es ist wundervoll. Es ist wie Kunst. Wahre Kunst! Ein Meisterwerk.
Sein Meisterwerk!
Schwer atmend steht Giuseppe über dem Körper seiner Frau. Sie atmet nicht mehr.
Erst jetzt packt ihn das blanke Entsetzen.
Ich habe sie ermordet! Ich habe Maria ermordet!
Was soll er tun? Verschwinden? Sie hier liegen lassen und den nächsten Bus nehmen, raus aus der Stadt?
Nein, sie würden ihn finden. Er weiß, dass es so ist. Es wäre zu auffällig, einfach zu gehen. Schließlich ist das die Leiche seiner Frau. Er wäre der Hauptverdächtige!
Da kommt ihm eine Idee.
Er würde aus Maria ein echtes Kunstwerk machen. Ein Kunstwerk, das nur für ihn bestimmt ist. Er würde es eine Weile ausstellen, nur für sich, für sich allein. Er würde daraus eine Form machen, die nicht im Geringsten an Maria erinnert, sie vorerst hier auf dem Dachboden deponieren, um sich an das Gefühl der Macht zu erinnern. Die Polizei würde ihn vernehmen, sein Haus durchsuchen und sein Kunstwerk bestaunen, aber niemand würde Maria darin vermuten. Und wenn die Polizisten ihm endlich glauben, dass er keine Ahnung hat, wo sich Maria aufhält, und sobald der Gestank zu groß sein würde, würde er die Figur verbrennen.
Was für ein Plan! Das perfekte Verbrechen!
»Du sollst mein Meisterwerk werden. Schon fast zu schade dich zu verbrennen, Schatz. Aber die Kunst fordert ihre Opfer, stimmt’s?«

Giuseppe Gismoni weinte. Seine Figur war noch in derselben Nacht verschwunden und ausgerechnet draußen hatte er sie finden müssen. Er hatte ein Eklat heraufbeschworen. Dabei hatte er nur ein erfolgreicher Künstler sein wollen. Nur ein Künstler.

5

Ein Gefängniswärter fand Giuseppes Leiche drei Tage später mit einem Bettlaken erhängt in seiner Zelle. Auf dem Boden lag eine kleine Wachsfigur in Form eines Bauern.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

Schreibe einen Kommentar

* Ich stimme den Datenschutzbedingungen zu