Hypochonder

3 Wörter Dezember 2020
Mafia
Hyperalgesie
Strukturierung

1

Friedhelm Fierdag saß wie jeden Abend vor dem Fernseher und schaute alte Mafiafilme. Sie boten ihm Aufregung zu seinem sonst eintönigen Leben. Er fragte sich, wie es wohl wäre, eine Waffe zu halten, und machte es sich ein wenig bequemer in seinem alten Ohrensessel.
Seit drei Tagen hatte Friedhelm nicht geduscht. Er trug denselben Jogginganzug und darüber seinen Morgenmantel. Von seinem Sessel aufgestanden war er nur, wenn es ihm nicht anders möglich gewesen war. Der Geruch, der ihm nun in die Nase stieg, sagte ihm, dass er bald erneut aufstehen musste. Eine Dusche konnte nicht länger auf sich warten lassen, genau wie ein frischer Jogginganzug.
Friedhelm verschränkte die Arme auf seinem massigen Bauch und legte die Füße übereinander. Er gähnte hinter vorgehaltener Hand und roch den Chipsgeruch an seinen Fingern.
Eine leere Tüte lag noch auf seiner Armlehne. Bald war sein Vorrat erschöpft. Ebenfalls gingen Getränke und Fertiggerichte zu Neige.
Friedhelm verließ das Haus nur, wenn ein Arzttermin anstand. Er hauste in seiner kleinen Wohnung, als wäre sie die ganze Welt. Alle paar Wochen beauftragte er seine Schwester oder seinen – wie er sagte – Nichtsnutz von Schwager – ein paar Dinge für ihn einzukaufen. Es war wohl mal wieder an der Zeit dazu. Friedhelm blies die leere Chipstüte von der Lehne, sodass sie knisternd auf dem Boden landete.
Da klopfte es an der Tür.
Friedhelm grunzte. Wenn er lange genug wartete, verschwand der Störenfried wieder.
Es klopfte erneut. Pause. Klopfen.
»Argh!«, stieß Friedhelm aus und kämpfte sich aus dem Sessel. Er schlurfte zur Tür und öffnete sie schwungvoll. »Was?«
Vor ihm stand ein kleiner Junge. Friedhelm erkannte ihn nicht direkt, da er in einen dicken Schal und Pudelmütze gehüllt war. Zudem trug der Junge einen schweren Mantel, der ihm wenig Bewegungsfreiraum bot.
»Hallo, Onkel Friedhelm!«
Es war sein Neffe.
»Peter? Was willst du hier? Musst du nicht längst im Bett liegen?«
»Es ist nicht mal halb acht, Onkel.«
»Und?«
»Ich bin 12.«
»Und?«
»Ach, egal. Ich …« Peter hob die Nase und schnupperte. »Was riecht hier so komisch?«
Friedhelm zog die Bänder seines Morgenmantels ein wenig fester. »Ich hab gekocht. Also, was hast du hier zu suchen?«
Peter zuckte die Achseln. »Ich möchte dich gerne zum Weihnachtsessen mit der Familie einladen. Alle werden da sein und ich finde, du solltest ebenfalls kommen.«
»Oh«, Friedhelm verzog das Gesicht. »Danke, aber nein danke.« Er zögerte. »Wessen Idee war das? Deine, Junge?«
Peter nickte.
»Wissen die anderen davon?«
Er schüttelte den Kopf.
Friedhelm kicherte. »Du bist ein lieber Junge, aber glaube mir, ich würde unerwünscht sein. Und ich habe offen gesagt auch wenig Lust auf eine Feier. Außerdem bin ich krank.«
»Schon wieder?«
»Immer noch! Ich leide an allen möglichen Erbrechen. Erst gestern hat der Arzt eine Hyperalgesie diagnostiziert. Das ist eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit. Außerdem sind meine Blutwerte viel zu hoch und neuerdings habe ich so ein schmerzhaftes Kratzen im Hals. Sicher habe ich mir eine Grippe eingefangen oder gar einen Pils im Rachen. Mir ist schon ganz schwindelig, dabei bin ich bloß vom Sessel aufgestanden.«
»Oh«, sagte Peter.
Kurz bevor er aufgebrochen war, hatte er eine Unterhaltung seiner Eltern mit angehört, die darüber gesprochen hatten, wer zum Weihnachtsessen kommen würde. Auch Onkel Friedhelm war kurz erwähnt worden.
»Das brauchen wir gar nicht erst versuchen«, sagte Mama.
»Was wäre es dieses Mal? Eine Migräne? Ein Bandscheibenvorfall?«
»Vermutlich hat er aktuell eine Krankheit, die gerade erst entdeckt worden ist.«
Die beiden hatten die Köpfe geschüttelt und waren weiter ihre Liste durchgegangen. Peters Eltern hielten eine Menge von Strukturierung und Checklisten, die sie abhaken konnten. Er hatte es schade gefunden, dass sein Onkel nicht beim Weihnachtsessen dabei sein würde. In all den Weihnachtsfilmen hieß es stets, dass in dieser Zeit niemand allein sein sollte. Schließlich war es doch das Fest der Liebe. Der Familie. Und Onkel Friedhelm gehörte zur Familie. Es war nicht richtig, ihn nicht einmal zu fragen.
Aber Onkel Friedhelm hatte anscheinend gar keine Lust zum Weihnachtsessen zu kommen.
»Na, schön«, sagte Peter. Er hatte es zumindest versucht und war mit sich zufrieden. »Hab tolle Weihnachten, Onkel!«
»Jaja«, Friedhelm hob zum Abschied die Hand und knallte seinem Enkel die Tür vor der Nase zu.
Gähnend schlurfte er zurück zu seinem Sessel. Sobald er sich niedergelassen hatte, wurden ihm die Lider schwer und bald war er eingeschlafen.
Die Uhr schlug Mitternacht, als ich ihn besuchte.
Ich weckte ihn nicht. Stattdessen wartete ich darauf, dass er mich bemerken würde. Ich stand nicht unter Zeitdruck. In meiner Welt existiert die Zeit nicht.
Friedhelms Lider flatterten, er stöhnte und wollte sich auf die Seite drehen, als ihm gewahr wurde, dass er nicht länger alleine im Haus war. Er schlug die Augen auf, fuhr hoch und presste sich gegen die Rückenlehne seines Sessels.
Friedhelm starrte mich an, doch er sprach nicht. Er schüttelte nur leicht den Kopf.
»Friedhelm Fierdag«, sagte ich mit donnernder Stimme. »Ich bin gekommen, um dich zu warnen.«
Seine Lippen bewegten sich, kein Wort kam heraus.
»Wir haben deinen Lebensweg verfolgt, der geprägt ist von Trägheit, Völlerei, Lügen und Egoismus und so bin ich zu dir gekommen, um dir eine Nachricht zu überbringen.«
»Wer sind … Was sind Sie? Ich träume. Ja, ich träume. Oder ich halluziniere. O mein Gott, ich habe eine Wahnvorstellung. Ich sehe Geister. Ich bin in einem verdammten Dickens Roman aufgewacht. Ich bin krank. Ich muss …«
»Schweig!«
Friedhelm verstummte. Er wagte es nicht einmal mehr, sich zu rühren. Also fuhr ich fort. »So höre meine Warnung. Änderst du nichts an deinem Tun, wirst du innerhalb der nächsten drei Tage sterben.«
»Was? Wie?«
»Das wird das Rad des Schicksals entscheiden.«
»Du bist nicht hier, Geist. Du bist eine Magenverstimmung. Ein Streich, der mir mein müdes Gehirn spielt. Nicht real. Nicht real!«
Ich bäumte mich vor ihm auf. »Wirke ich auf dich wie eine Illusion, törrichter Mensch?«
Friedhelm erschrak. Er fiel geradezu in sich zusammen und zitterte.
»Drei Tage«, wiederholte ich. »Es könnte jeder Zeit so weit sein. Das Schicksal wird den Zeitpunkt wählen, also zögere nicht zu lange bei deinem Lebenswandel.«
»Aber …« Friedhelm hob den Zeigefinger, als wäre er ein Schuljunge. Seine Stimme klang dünn und eine Spur zu hell. »Wie soll es mir möglich sein, mich rechtzeitig zu ändern, wenn mich der Tod jederzeit ereilen kann? Also quasi schon diese Nacht?«
»Der Tod wird deinen Willen spüren und einhalten. Ist dein Wille stark genug und beginnst du dein Leben nicht länger zu verschwenden, wird dir ein langes Leben versprochen sein.«
Friedhelm nickte. »Verstehe.«
»Wohl an. Meine Zeit auf Erden ist knapp bemessen. Vergiss nicht meine Worte, Friedhelm Fierdag.«
»Das werde ich nicht.«
Ich verschwand und ließ Friedhelm ängstlich und paranoid zurück.
Mehrere Stunden verharrte er in seinem Sessel, schaute sich immer wieder um und murmelte vor sich hin.
Ich erschien ihm kein weiteres Mal. Meine Warnung war ausgesprochen, nun war Friedhelm auf sich allein gestellt.

2

Am nächsten Morgen war von seiner Angst nichts mehr zu spüren. Er verübte seine täglichen Aufgaben – die aus Essen und Faulenzen bestanden – so, als wäre ihm letzte Nacht kein Geist erschienen. Als hätte er unsere Begegnung vergessen.
Gegen Mittag nahm er endlich eine Dusche.
Er seifte sich hinter beschlagenen Wänden ein, als er meine Nachricht entdeckte. »3 Tage«, stand dort, von unsichtbaren Fingern geschrieben.
Friedhelm schob die Duschwände ein Stück weit auseinander und linste hinaus. Die Angst von letzter Nacht war zurückgekehrt.
Von diesem Zeitpunkt an, fürchtete Friedhelm um sein Leben. Er erwartete den Tod in jedem Raum, bei jeder Bewegung, durch jeden Gegenstand. Ein Messer in die Hand zu nehmen, mied er komplett. Er wich Schränken aus, um nicht von ihnen plattgedrückt zu werden. Er machte einen Bogen um Steckdosen, um keinen Schlag zu erleiden.
Nachdem er über einen Pantoffel gestolpert war und sich das Knie aufschlug, eilte Friedhelm zu seinem Telefon und wählte die Nummer seiner Schwester.
»Ja?«
»Margret!«, keuchte Friedhelm.
»Alles okay?« Ihre Frage klang wie ein Vorwurf.
Friedhelm überlegte, ihr von der Erscheinung zu erzählen. Ihr zu berichten, dass er nirgendwo mehr sicher war, doch im letzten Moment hielt er sich zurück. Sie würde es nicht verstehen. »Ja, mir geht es gut«, sagte er stattdessen.
Margret wirkte überrascht. »Gut?«
Friedhelm nickte, obwohl ihm klar war, dass sie ihn nicht sehen konnte. Diese Gewissheit vertrieb für einen Augenblick die Todesangst und wandelte sich in einen Anflug von Ärger. Seine Schwester hatte seine Leiden stets angezweifelt. Gemeint, er spiele ihr etwas vor. Nun aber lief ihm der Schweiß von der Stirn, seine Lippen bebten und alles Blut war aus seinem Gesicht gewichen. Dieses Mal hätte es keine Zweifel gegeben.
Doch was hatte es für einen Sinn, dass sie ihm glaubte, wenn er jeden Moment dem Tode geweiht war? Friedhelm umklammerte den Hörer ein wenig fester. »Ich möchte zum Weihnachtsessen kommen.«
Schweigen am anderen Ende der Leitung.
Friedhelm wartete geduldig. Als seine Schwester nach einer Weile noch immer nicht geantwortet hatte, fragte er: »Margret?«
»Du möchtest zum Essen kommen?«
»Ich bringe auch Geschenke mit.«
Erneutes Schweigen.
Weil er langsam nervös wurde und fürchtete, durch das Telefon einer tödlichen Strahlung ausgeliefert zu sein, fügte er hastig hinzu: »Peter hat mich eingeladen.«
»Na, wenn das so ist, setze ich dich mit auf die Liste. Da freuen wir uns!«
Sie klang tatsächlich erfreut. Friedhelm hob überrascht die Augenbrauen. »Das … das ist schön. Ich freue mich auch. Bis dann.«
Er legte auf und stellte das Telefon zurück in die Ladestation. Er war froh darüber, kein Handy zu besitzen, wer wusste schon, welche Todesfallen diese Teufelsbiester mit sich brachten.
Nachdem er gewartet hatte, bis sich sein Herz ein wenig beruhigt hatte – ein Herzinfarkt war nicht auszuschließen – ging Friedhelm von Raum zu Raum und wartete darauf, ob etwas Ungewöhnliches geschehen würde. Und als nichts geschah, kehrte er zu seinem Sessel zurück.
Zufrieden ließ er sich hineingleiten. Er passte geradeso zwischen die Lehnen. Friedhelm nahm die Fernbedienung in die Hand und schaltete den Fernseher ein. Mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen lehnte er sich zurück, verschränkte die Arme auf dem Bauch und legte die Füße übereinander.
»Ich habe getan, was der Geist gesagt hat«, sagte er. »Ich verlasse das Haus und werde es von nun an immer mal wieder tun. Aber wir wollen es ja auch nicht übertreiben.«

3

Am dritten Tag fühlte sich Friedhelm so gesund und heiter wie noch nie. Die ganze Zeit über hatte es immer dieses unangenehme Ziehen in seinem Bauch gegeben und ein leichter Druck hatte auf seiner Brust gelegen. Obwohl er getan hatte, was von ihm verlang worden war, war ein letzter lodernder Rest von Angst in ihm zurückgeblieben. Doch heute war es überstanden. Er würde leben.
Friedhelm war bereit, das Haus zu verlassen. Er hatte seine Jogginghose gegen ein altes Paar Jeans getauscht und freute sich sogar darauf, seine Schwester zu sehen. Sein Schwager und die lästigen Kinder konnten ihm zwar gestohlen bleiben, aber Familienfeiern bedeuteten immer auch, Menschen sehen zu müssen, auf die man normalerweise lieber verzichtete. Geschenke hatte er ebenfalls keine besorgt, doch das würde man ihm nachsehen. Immerhin ließ er sich blicken, was für die anderen bereits an ein Wunder grenzen dürfte.
Friedhelm öffnete die Haustür und trat hinaus. Sofort umfing ihn eine eisige Windböe und er vergrub die Hände in den Taschen seiner Jacke. Er sehnte sich danach, ins Haus zurückzukehren, wieder in seine Jogginghose zu schlüpfen und den Tag vor dem Fernseher zu verbringen. Trotzdem setzte er sich in Bewegung. Er durfte nicht zurück, denn ansonsten würde auch die Angst zu ihm zurückkehren.
Als Friedhelm die Straße erreichte, dröhnte ihm der Verkehrslärm so sehr in den Ohren, dass er die Orientierung verlor. Margrets Haus war kaum fünf Minuten zu Fuß entfernt, nichts, als ein kleiner Spaziergang, aber es war das erste Mal seit Jahren, dass er nicht sofort in ein Taxi gestiegen war, und seine Sinne überschlugen sich. Der Verkehr lärmte, die Abgase raubten ihm den Atem, die vorbeiziehenden Wagen machten ihn schwindelig.
Friedhelm bemerkte, dass er nicht mehr länger den Gehweg entlangging, sondern auf den Fahrradweg getorkelt war.
Ein Junge – kaum älter als 10 Jahre – kam ihm auf dem Rad entgegen. In der Hand hielt er ein Handy, auf das er unablässig starrte. Er sah Friedhelm nicht und näherte sich ihm mit rasender Geschwindigkeit.
Friedhelm fluchte und wich aus, dabei stolperte er und machte einen Satz auf die Straße.
In diesem Moment erschien ich ihm ein letztes Mal. Ich verharrte auf dem Gehweg, nur er konnte mich sehen.
Friedhelm starrte mich mit großen Augen an, kämpfte um sein Gleichgewicht.
Ein Wagen erfasste ihn.
Während der Fahrer auf die Bremse trat und seine Reifen quietschten, flog Friedhelm einige Meter über den Boden und landete auf dem Asphalt. Er war auf der Stelle tot.
Der Junge auf dem Fahrrad starrte noch immer auf sein Handy. Er hatte von all dem nichts bemerkt.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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