Der Geist des Bischofs

3 Wörter Januar 2021
Mitra
Jägerschnitzel
Nacken

1

»Ich hab Hunger«, sagte Meiko. Er rieb sich den Bauch und verzog das Gesicht, als hätte er tagelang nichts zu Essen gehabt.
»Jetzt? Hier? Wir hatten aber doch eben erst Pommes.«
Meiko musste sich anstrengen, um Siggi zu verstehen. Dass der Junge immer so nuschelte.
»Pommes machen nicht satt. Ich könnte ein Jägerschnitzel vertragen. Als Nachtisch. Das mampfe ich dann da drinnen, um die Geister und Zombies zu ärgern.«
Siggi erwiderte nichts.
»Haste Schiss?« Meiko stupste ihm in die Seite, wodurch er leicht strauchelte.
»Nein, gar nicht.«
»Doch, du hast Schiss, ich sehe das. Du kannst ja nach Hause zu deiner Mama rennen, während ich mir den Geist ansehe.«
»Ich habe gesagt, ich komme mit, also mach ich das auch. Können wir wirklich keinen Ärger bekommen?«
Die Bruchbude wurde durch eine flackernde Straßenlaterne spärlich beleuchtet. Dadurch wirkte sie, als würde sie atmen. Die Fenster waren durch Holzbalken zugenagelt worden, von denen bereits einige abgefallen waren. Bei so einer Einladung konnte von Einbruch kaum die Rede sein.
»Das Ding steht seit Jahren leer. Wer soll uns schon erwischen? Außerdem haben die Leute Angst vor dem Geist. Uhhh!« Meiko wackelte mit den Fingern vor Siggis Nase herum.
Er musste ein Kichern unterdrücken. Siggi war der größte Angsthase der Schule, er würde vermutlich schon heulend und mit vollgepisster Hose nach Hause rennen, bevor sie sich auch nur ein Zimmer angesehen hatten. Sowieso war Meiko überrascht gewesen, dass Siggi eingewilligt hatte, in ein Spukhaus einzusteigen. Niemand sonst hatte Lust gehabt, es zu betreten. Alleine wäre es selbst ihm zu unheimlich gewesen. Mit Siggi an seiner Seite verspürte er überhaupt keine Angst.
Meiko war schon halb durchs Fenster geschlüpft, als er sich noch einmal umdrehte und Siggi den Strahl seiner Taschenlampe direkt ins Gesicht hielt. »Was ist? Kommst du?«
Siggi war kalkbleich. »Ich glaube, es spukt wirklich hier, Meiko. Mir geht es nicht so gut. Lass uns nach Hause gehen.«
»Du hast bloß Muffensausen. Komm her!«
»Eben fühlte es sich an, als hätte mir jemand in den Nacken gepustet.«
»Ich puste dir gleich mal in den Nacken. Mach schon!«
Endlich bewegte Siggi sich und kletterte ebenfalls durch das Fenster.
»Brr! Ganz schön eisig hier.« Meiko schlang die Arme um den Körper.
Im Haus schien es mindestens vier Grad kälter zu sein und der Wind heulte schauderhaft. Draußen hatte er gar keinen Wind bemerkt.
»Lass uns gehen, Meiko, bitte.«
»Stell dich nicht so an, du Jammerlappen!« Er schwenkte seine Taschenlampe von links nach rechts. Der Raum war spärlich eingerichtet. Es gab einen Holztisch und alte Stühle, sonst nichts. Vermutlich waren die wertvollen Gegenstände längst geklaut worden.
Er ließ den Strahl der Taschenlampe weiter gleiten und entdeckte eine Treppe. »Wo die wohl hinführt?«
»Das möchte ich gar nicht wissen«, sagte Siggi hinter ihm.
Meiko verdrehte die Augen. »Komm, wir sehen mal nach. Vielleicht …« Er verstummte.
»Meiko?«, Siggis Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Was ist das? Das hört sich an wie … wie Schritte.«
Das stimmte. Schwere Schritte, die sich oben der Treppe zu nähern schienen. Kurz bevor die Person die Austrittstufe erreicht hatte, herrschte wieder Stille.
Meiko schluckte. »Das ist der Wind. Hier ist niemand.«
Siggi tippte ihm auf die Schulter und er musste einen Schrei unterdrücken. »Was?«, fauchte er.
Siggi sagte nichts, stattdessen zeigte er auf etwas.
Auf dem Holztisch lag ein Hut. Meiko war sich sicher, dass der eben noch nicht dagewesen war. Seine Kehle fühlte sich mit einem Mal wie ausgetrocknet an und die Kälte schien aus einem Inneren zu kommen.
»Das ist eine Mitra«, flüsterte Siggi. »Eine Bischofsmütze.«
Erneute Schritte.
Meiko und Siggi wirbelten herum. Die Taschenlampen starr auf die Treppe gerichtet.
Es klang, als käme jemand zu ihnen herunter. Langsam und mit schweren Stiefeln. Die morschen Stufen ächzten unter der Last.
TOP-TOP-TOP.
Meiko und Siggi rückten dicht zusammen.
TOP-TOP-TOP.
Meiko wich zurück. Wer auch immer die Stufen runter kam, er hatte die Antrittstufe erreicht. »Was ist das, Siggi? Was ist das?«, flüsterte er.
Eine Art Rascheln neben ihm.
Meiko ließ einen spitzen Schrei los. Die Taschenlampe fiel ihm aus der Hand und er bückte sich ruckartig, um sie aufzuheben.
Die Mitra lag neben seinem Schuh.
Meiko fuhr hoch, er schrie und stürzte zum Fenster.
»Warte, Meiko!«, rief Siggi ihm hinterher, doch er dachte gar nicht daran. Er wollte weg, bloß weg, weg, weg!
Er hörte Siggis Kreischen und stolperte über die eigenen Füße. Sofort rappelte Meiko sich auf. Sein Herz schlug so schnell, dass ihm die Brust schmerzte, und sein Körper war vollkommen taub. Er rannte weiter und sah sich nicht um.
Bis direkt hinter ihm jemand seinen Namen flüsterte.

2

»Nun, das ging schnell.« Der Bischof hob seine Mitra auf und setzte sie sich auf den Kopf. »Der wird dich nicht mehr ärgern.«
Siggi lächelte. »Danke, Ururgroßvater.«
»Jederzeit, mein Junge. Bring bald wieder einen Knaben mit, ja? Es erheitert mich, sie Bange zu machen. Du musst mir jedoch versprechen, dich selbst hier nur für kurze Zeit aufzuhalten.«
»Versprochen. Und keine Sorge. In meiner Schule gibt es viele, die mich für einen Angsthasen halten und mir Gummischlangen in die Tasche stecken und all so was. Aber nicht mehr lange. Ich bin froh, dass du mich besucht hast, Ururgroßvater.«
»Nun, dein Wehklagen war kaum zu überhören, mein Kind. Niemand quält meine Familie. Und jetzt solltest du lieber gehen, bevor er dich sieht.«
Siggi stutzte. »Er? Ich dachte, du wärst der einzige Geist hier.«
»Oh, nein. Geister wandeln überall. Ihr Lebenden dürft euch nicht zu lange in unserer Nähe aufhalten, das ist gefährlich.«
»Wenn er so nett ist wie du, bleibe ich kurz, um ihn zu begrüßen. Mir passiert schon nichts, danach gehe ich wirklich.«
»Das ist er nicht. Und er ist auch kein Geist. Geh jetzt.«
Siggi überkam eine Gänsehaut. Er hätte zu gerne gefragt, was Ururgroßvater damit gemeint hatte, aber er wollte es besser nicht herausfinden. Er kletterte durch das Fenster nach draußen.
»Was immer du hörst, mein Kind«, rief ihm der Geist seines Ururgroßvaters hinterher, »wende dich nicht um. Er darf dich nicht dazu bringen. Niemals! Geh mit Gott, mein Junge. Geh!«
Siggi ging und wandte sich nicht um.
Bis er die Stimme hörte.
»Siggi. Sieh, mich an, Siggi.«
Er hielt inne. »Mama? Mama, bist du das?«
»Ja, dreh dich um zu mir, mein Schatz. Sieh mich an.«
»Was machst du nachts im Wal…?«

3

Siggi kehrte in jener Nacht nicht nach Hause zurück. Seine Eltern und die Polizei veranlassten eine große Suchaktion.
Erfolglos.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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