Añu

3 Wörter März 2021
Federmaske,
Schlittschuhe,
Hundeleine

1

Kurz bevor Michaela Kottman über eine Hundeleine stolperte und sich das Handgelenk brach, dachte sie an eine Zeit zurück, in der die Winter noch echt gewesen waren. In der es im Dezember geschneit hatte und Kinder bis in den Januar hinein auf Kanälen Schlittschuh gelaufen waren. Heute, so dachte sie, konnte man froh sein, wenn der Schnee einen Tag lang liegen blieb, Schlittschuhe konnten nur noch in Hallen gefahren werden.
Überraschenderweise war in diesem Jahr der Winter angebrochen, verspätet zwar, schließlich war bereits Mitte März, doch es schneite seit Tagen ohne Unterlass und zum ersten Mal seit Ewigkeiten war der Grubinger See zugefroren. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten hatte Michaela die Kiste aus der hintersten Ecke ihres Kleiderschrankes hervorgezogen, um ihre Schlittschuhe anzuziehen.
Nun zog sie seit fast einer Stunde ihre Kreise auf dem überfüllten See und fühlte sich wieder wie ein Kind. Bis sie einem anderen kindlichen Erwachsenen auswich und dabei ein Stückchen zu weit am Ufer entlang schlitterte. Michaela sah das aus dem Eis hervorlugende Ende der Hundeleine, doch es war bereits zu spät, auch ihm auszuweichen. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, explodierte ein gewaltiger Schmerz in ihrem Handgelenk. Sie war mit dem Gesicht im Schnee des Ufers gelandet, der ihren Schmerzschrei dämpfte. Während Michaela sich aufrappelte und sich die ersten Menschen – teils Schaulustige, teils ernsthaft Besorgte – näherten, entdeckte sie etwas im Schnee. Mit ihrer unversehrten Hand zog sie eine Federmaske heraus. Sie sah edel aus, wie eine echte venezolanische Maske, die auf Bällen getragen wurde. Die Maske selbst war mit funkelnden Steinen verziert, oben ragten lange schwarze Federn hervor, so dicht, dass sie wie Haar aussahen.
»Alles in Ordnung?«, fragte ein Mann.
Michaela nickte, die Federmaske hörte nicht auf, sie zu faszinieren. Die nehme ich mit. »Ja, aber ich habe mir wohl das Handgelenk verstaucht.«
Zwei Männer halfen Michaela auf die Beine. Sie hielt die Maske fest in ihrer gesunden Hand.

2

Das Handgelenk war nicht verstaucht, es war gebrochen.
»Sie sollten das Schlittschuhlaufen vorerst sein lassen, Frau Kottmann«, hatte ihr der Arzt gesagt und Michaela hatte sie anschließend zuhause in ihre Kiste gelegt, um diese zurück in die hinterste Ecke des Schrankes zu schieben.
Das hat man davon, wenn man sich als Frau mittleren Alters einmal wieder wie ein Kind fühlen will.
Doch der Unmut hielt nicht lange an. Michaela saß mit ihrer Freundin Annemie in deren Küche und zeigte ihr die Federmaske. »Hübsch oder?«
»Wahnsinnig! Wo hast du sie her?«
»Im Schnee gefunden, als ich gerade meinen Stunt hingelegt habe.«
»Du hast sie einfach mitgenommen? Wer weiß, wem sie gehört hat und welcher Hund sich nicht schon darauf erleichtert hat.«
Michaela schmunzelte und zog Annemie die Maske aus der Hand. Sie ertrug es nicht, wenn jemand anderes sie hielt, selbst, wenn es ihre beste Freundin war. »Die Maske wurde weder vollgepinkelt, noch gehörte sie einem armen Teufel mit einer ansteckenden Hautkrankheit. Sieh sie dir doch an, sie ist makellos.«
Ja, Michaela fand sogar, sie hatte nie etwas Schöneres gesehen. Sie stellte sich vor, wie sie auf einem Ball tanzte, vor ihr ein stattlicher Mann, im Hintergrund die Klänge eines Orchesters.
»Ich weiß nicht, Ela, irgendwie ist mir das Ding unheimlich. Es ist fast so, als würde sie mich anstarren. Geht es dir nicht so?«
Aber Michaela hörte gar nicht richtig zu, sie tanzte auf einem Ball.

3

Während Michaela Kottmann am Abend durch ihre Wohnung tanzte und dabei die Maske trug, zog Annemie Engelhardt ihre Vorhänge zu, weil sie das Gefühl nicht loswurde, beobachtet zu werden.
Zur gleichen Zeit taute am Grubinger See das Eis. Marcel Kahlke, der gerade seinen Hund ausführte, machte eine scheußliche Entdeckung und rief die Polizei.
Frank Engelhardt, der seine Frau argwöhnisch dabei beobachtete, wie sie alle Vorhänge zuzog, wurde zum Tatort gerufen und kam nicht umhin, ihr anschließend bis ins kleinste Detail erzählen zu müssen, was er entdeckt hatte.

4

»Eine Leiche?«
»Ja, sie trieb auf dem See«, sagte Annemie am anderen Ende der Leitung. »Ein Spaziergänger hat sie entdeckt und Frank ist gleich los, um sie zu bergen. Eine Wasserleiche, scheußlich.«
Michaela betrachtete die Federmaske auf dem Küchentisch. Sie konnte es kaum erwarten, sie erneut aufzusetzen.
»Aber, Ela, das ist noch nicht alles. in der Hand hat die Frau eine Hundeleine gehalten. Die Hundeleine.«
»Hm?« Michaela zwang sich, wieder zuzuhören.
»Na, die Leine, über die du gefallen bist! Die Leiche trieb quasi direkt unter dir, als du dich aufs Eis gelegt hast.«
»O mein Gott!«
»Genau! Einen Hund hatten Frank und sein Team nicht finden können, der muss schon vorher abgehauen sein.«
»Wer ist die Leiche, kennen wir sie?«
»Keine Ahnung. Das arme Ding war wohl so entstellt und aufgedunsen, dass sie auf die Schnelle nicht identifiziert werden konnte. Außerdem trug sie keine Papiere bei sich, weil sie nur im Nachthemd unterwegs war. Ist doch seltsam, oder?«
Michaela nickte, obwohl Annemie das nicht hören konnte. Ein ungutes Gefühl beschlich sie.
»Vielleicht gehörte der Frau die Maske, die du gefunden hast.«
Und natürlich musste Annemie ihre Angst aussprechen. Wenn der Leiche die Maske gehörte, würde sie möglicherweise beschlagnahmt werden. Aber Michaela wollte sie nicht hergeben, sie gehörte ihr. »Das ist nicht sicher. Und solange das nicht klar ist, bleibt sie bei mir.«
»Aber, Ela …«
»Hör zu, Annemie, ich habe noch das Bad zu schrubben, wir telefonieren morgen wieder, ja?« Ohne eine Antwort abzuwarten, legte Michaela auf. Sie ging zur Federmaske und nahm sie in die Hand. »Ich gebe dich nicht mehr her.«
Sie drehte sie herum, um sie sich aufzusetzen, da bemerkte sie zum ersten Mal ein Wort, dass hineingestickt worden war. Seltsam. War das gestern auch schon da gewesen? Sie hatte die Maske doch so oft untersucht, das Wort war ihr bislang nicht aufgefallen. »Añu«, las sie. »Was ist das?«
Michaela ging an den Laptop, wartete bis er hochgefahren war und öffnete die Google-Suchleiste. Nachdem sie das seltsame Wort getippt hatte, wurde sie direkt fündig. »Die Añu sind ein Volk in Venezuela«, las sie weiter, »es bedeutet ›Menschen des Wassers oder der Lagune‹.« Also hat die Federmaske vermutlich einer Frau dieses Volkes gehört. Fasziniert googelte Michaela weiter. Dann sah sie sie.
Ihre Maske. Als kleines Beitragsbild abgebildet. Sie öffnete den Link. Aufgerufen wurde eine Art Blogbeitrag.
Michaela bemerkte nicht einmal, dass sie ihn laut vorlas: »Einst lebte eine starke Frau unter dem Volk der Añu. Ihr Name war Maria Gabriela. Sie war Ehefrau, Mutter, Fischerin und Freundin. Klimawandel und Umweltverschmutzung raften ihre Familie hin, sodass Maria Gabriela nur noch eines blieb: ihr Hass. Hass auf diejenigen, die Umwelt und Natur nicht respektierten.
Maria Gabriela war bekannt dafür, dass sie stets eine Federmaske bei sich trug. Sie war ein Geschenk ihres Mannes gewesen und ihr wertvollster Schatz.
Eines Tages führ Maria Gabriela hinaus aufs Meer, um zu fischen. Ein Unwetter brachte ihr Boot zum kentern und sie stürzte in die See. Ihre Füße verfingen sich in einem Geflecht aus Plastik, sodass die tapfere Frau, die bereits alles verloren hatte, zuletzt auch noch ihr Leben ließ.
Maria Gabrielas Hass übertrug sich auf ihre Federmaske und ein Fluch ward geboren.
Wer die Maske findet, ist des Todes. Vier Tage verbleiben, bis Maria Gabrielas Geist dem Gewässer entsteigt, um den Finder zu holen.«
Michaela neigte den Kopf näher zum Bildschirm. Ihr Herz klopfte Wild und ihre Augen brannten vor Anstrengung, weil sie es nicht wagte, zu blinzeln. »Der einzige Weg«, las sie weiter, »dem Fluch zu entgehen, ist, ihn zu übertragen. Er kann nie gebrochen werden. Die Maske weiterzureichen symbolisiert Wiederverwertung, sie wegzuwerfen bedeutet Tod. Maria Gabrielas Geist duldet keinen Müll. Andernfalls entsteigt sie ihrem feuchten Grab ohne Einhaltung der Frist und zieht dich hinab, in die Hölle.«
Michaela fuhr zusammen. Plötzlich war der Beitrag von einer Verallgemeinerung zum Du übergegangen. Was sollte das? Wollte der Autor des Beitrags beim Leser Angst entfachen? Michaela scrollte vor und zurück, suchte nach Hinweisen auf den Ursprung dieses Beitrags – ohne Erfolg. Weder ein Verfasser wurde genannt noch ein Impressum. Das war’s. Nur der nackte Beitrag. Erneut las sie: »Andernfalls entsteigt sie ihrem feuchten Grab ohne Einhaltung der Frist und zieht dich hinab, in die Hölle.
Das kann nicht sein«, flüsterte sie und betrachtete die Federmaske auf dem Tisch. »Oder?«
Plötzlich schoss Wasser aus dem Wasserhahn der Spüle. Michaela sprang auf, presste sich gegen die Wand und ihre Hände gegen die Brust, um ihr Herz am herausspringen zu hindern.

5

Am nächsten Morgen erledigte Michaela ihre Einkäufe. In der Nacht hatte sie dreimal Wasser abstellen müssen. Zweimal in der Küche, einmal im Bad. Ihre Augen waren blutunterlaufen, ihr Haar ungekämmt. Während sie wach in ihrem Bett gelegen hatte, war ihr Wille, die Maske keinesfalls einem Unwissenden zu schenken, langsam immer brüchiger geworden. Heute Morgen hatte sie die Maske in ihre Tasche gesteckt mit dem klaren Ziel, sie der nächstbesten Person zuzustecken.
Doch jetzt, wo sie durch die Gänge eilte, herrschte Chaos in ihr. Ein winziger Teil von ihr glaubte nicht an die Legende, der größere Teil, war in zwei Seiten zerrissen. Einerseits hatte Michaela furchtbare Angst davor, einen qualvollen Tod im Wasser zu erleiden, andererseits würde sie nicht damit leben können, den Tod eines anderen Menschen verursacht zu haben.
Und so geschah es, dass Michaela mitsamt ihrer Maske und ohne Einkäufe nach Hause ging.

6

An Michaelas letztem Tag goss Annemie Engelhardt die Blumen in ihrem Wohnzimmer. Sie fühlte sich unbeschwert und hatte seit jenem Abend nicht wieder das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden. Während sie Michaela sah, wie sie die Straße überquerte, und sich darüber wunderte, warum ihre Freundin so zerzaust aussah und ihr nicht zurückwinkte, kam ihr Mann Frank von einer langen Nacht im Revier nach Hause und gab ihr einen Kuss auf den Scheitel.
Alfred Hermanns kam zur selben Zeit gerade von seinem Friseur. Er ging alle zwei Wochen hin, obwohl er kaum noch Haar besaß, um über die Nachbarschaft zu schimpfen. Wie jedes Mal endete sein Besuch damit, dass er auch seinen Friseur ausschimpfte.
Alfred bemerkte nicht, wie ihm im Vorbeigehen jemand einen Gegenstand in das vordere Fach seines Rollators steckte. Er war zu sehr mit Selbstgesprächen beschäftigt und hatte heute Morgen vergessen, seine Brille aufzusetzen.

7

Am nächsten Morgen saßen Michaela und Annemie zusammen am Küchentisch und aßen Kuchen. Michaela hatte letzte Nacht kein einziges Mal aufstehen müssen, um das Wasser abzudrehen, dafür hatte sie geträumt von einer schwarzhaarigen Frau in ihrer Badewanne unter Wasser gedrückt zu werden, während Alfred Hermanns dabei zusah.
Doch wenn Michaela eines konnte, dann war es Verdrängen. Und schon zwei Tage später, waren Schuldgefühle und Albträume verschwunden.
Als sie einige Tage danach die Zeitung aufschlug, wagte sie kaum, zu atmen. Ein Artikel handelte von Alfred, der von seiner Tochter – die ihn trotz seines unangenehmen Charakters wöchentlich besuchte – tot in der Badewanne aufgefunden worden war.
Michaela stolperte zur Haustür, um frische Luft zu schnappen. Dabei nutzte sie die Gelegenheit, in den Briefkasten zu sehen. Sie öffnete ihn und schrak zurück.
In dem Briefkasten lag ihre Federmaske.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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