Kneipengespräche

3 Wörter April 2021
Angeklagte
Experiment
Club

»Hast du schon gehört?«
Marti Maier stellte sein Bier ab und beugte sich vor. Die besten Geschichten begannen mit einem ›Hast du schon gehört?‹ und Marti liebte gute Geschichten. »Kommt ganz drauf an.«
Bob ›Schnecki‹ Möller nippte an seinem Alster. Er ließ sich Zeit. Wie immer.
Das Stimmengewirr, die Hintergrundmusik und das Klirren von Gläsern übertönte den Fernseher, den Barmann Georg nur über der Theke angebracht hatte, weil sich das so für eine Schenke gehörte. So hatte er es Marti jedenfalls erzählt.
»Hör auf, auf den Bildschirm zu starren und red schon, Schnecki.«
Georg, der wie jedes Mal, wenn er nichts zu tun hatte, Gläser mit einem Handtuch trocknete, beugte sich ebenfalls vor. »Ich bin ganz Ohr.«
»Wer hat dich zu der Party eingeladen, Georg?«, fragte Marti.
»Da ihr sicher noch mehr trinken wollt, lade ich mich selbst ein.«
»Guter Punkt. Willkommen im Club der Trinkfesten Ehemänner, die lieber mit dem Arsch auf einem Hocker sitzen, als auf der Couch bei ihren Frauen.«
Schnecki, der seit über einem Jahr im Scheidungskrieg steckte – nicht einmal im Krieg gab er Gas – nippte erneut am Alster, ehe er das Glas abstellte, sich verstohlen umsah und irgendetwas flüsterte.
»Sprich lauter, Schnecki, dich hört ja nicht mal der Flo in deinem Ohr.«
»Ich sagte, Bruce Banner ist entflohen.«
Georg legte Glas und Handtuch ab. »Wer?«
»Kriegst du denn gar nichts mit?« Marti konnte es nicht fassen. Georg lebte wirklich hinterm Mond.
»Ey, ich schaue keine Nachrichten, woher soll ich das also wissen?«
»Der Kerl mit den Experimenten. Von dem alle Welt spricht.«
Georg schüttelte langsam den Kopf.
»Unfassbar. Vor einer Weile hat so ein durchgeknallter Wissenschaftler vor laufender Kamera behauptet, er hätte eine Droge erschaffen, mit der er sich wie der Hulk aus den Comics in eine Kampfmaschine verwandeln könne. Natürlich hat er nicht ›Droge‹ gesagt, aber das liegt ja wohl auf der Hand. Der Kerl hat für reichlich Lacher gesorgt.«
Schnecki drehte sein Glas im Uhrzeigersinn. »Nur, dass er es tatsächlich geschafft hat.«
»Ernsthaft?« Um ein Haar hätte Georg seines vom Tresen gefegt.
Schnecki nickte. »Das Experiment ist geglückt und der Kerl ist daraufhin richtig durchgedreht. Soll mehrere Reporter regelrecht zerfleischt haben. Seitdem nennt man ihn ›Bruce Banner‹.«
»Ja, und während er noch am Arm eines armen Paparazzo knabberte, ist er verhaftet worden«, sagte Marti. »Es musste wohl das ganze Revier anrücken, um den Kerl zu bändigen.«
»Scheiße! Und jetzt ist der Angeklagte auf freiem Fuß?« Georg fing wieder an, nicht vorhandene Feuchtigkeit aus einem Glas zu rubbeln. Die Nervosität stand ihm ins Gesicht geschrieben, als würde ein blinkender Pfeil über seinem Kopf schweben, auf dem ›Nervös!‹ leuchtete. Georg war schon immer leicht aus der Fassung zu bringen.
»Ach, keine Sorge«, sagte Marti, »der sitzt schneller wieder im Knast, als wir gucken können. Dafür hat er zu viel Aufsehen erregt und die Droge wird man ihm auch weggenommen haben.«
Schnecki hob quälend langsam das Alster an seine Lippen und trank den letzten Schluck. »Ich hoffe, du hast recht.«
»Klar hab ich das! Hör auf, Georg Angst zu machen, der schwitzt ja schon wie meine Tante Irene beim Dauerlauf.«
Georg wischte sich mit seinem Handtuch über die Stirn. »Tu ich nicht.«
»Jaja, red dir das nur ein, Schweißfleck.«
»Nenn mich nicht so, Marti! Du weißt, wie sehr ich das hasse.«
»Sorry, sorry, manchmal vergesse ich, dass wir nicht mehr in der Schule sind. War ’ne geile Zeit.«
»Für dich vielleicht.«
»Ist ewig her«, sagte Schnecki.
Marti lachte. »Für dich ist selbst dein Frühstück ewig her.«
»Sieh uns an, wir gehen auf die 50 zu, werden immer fetter und unsere Frauen hassen uns. Wir sind der Club der Versager. Cheers.«
»Ach, Klappe, Schnecki. Wir sind in der Blüte unserer …«
Ein ohrenbetäubender Knall fegte durch die Kneipe. Augenblicklich folgte Kreischen.
Marti fasste sich vor Schreck an die Brust, Schnecki fiel vom Hocker, Georg sprang zurück und krachte gegen seine Alkoholtheke. Klirrend gingen Flaschen zu Bruch. Es kümmerte ihn nicht, entsetzt starrte er an Marti und Schnecki vorbei.
In Martis Ohren rauschte es. Er fürchtete einen Herzinfarkt, der letzte war erst wenige Monate her. Er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln, und während sein Herz schmerzhaft pochte, wandte er sich langsam um.
In der Wand neben dem Eingang klaffte ein gewaltiges Loch. Darin waren die Umrisse eines Menschen zu erkennen, die durch Staub, Schutt und Zigarettenqualm seltsam unwirklich erschienen. Noch immer bröckelten Putz und Gestein zu Boden.
Das Kreischen, dass einen Augenblick lang des Unglaubens wegen verstummt war, setzte wieder ein.
Marti konnte nicht fassen, was er sah.
Der Mann, der trotz seiner Kleinwüchsigkeit anscheinend die Wand eingerissen hatte, schnellte nach vorne. Er packte den Arm eines muskulösen Kerls, der entweder wegen des Alkohols in seinem Blut oder vor Angst, bedrohlich wankte – und zog. Der Arm löste sich mit der Leichtigkeit, als hätte ein Kind einer Fliege den Flügel ausgerissen. Eine Blutfontäne spritzte den Angreifer mitten ins Gesicht, doch es kümmerte ihn nicht. Er ließ von dem Muskelmann ab, stieß Tische und Stühle zur Seite und packte eine Frau, die im Begriff war, an ihm vorbei Richtung Tür zu rennen. Der Irre stieß sie so fest, dass sie bis ans andere Ende der Kneipe flog, direkt neben Marti, der noch immer vollkommen erstarrt war. Die Frau war gegen die Theke gekracht und blieb reglos liegen.
Marti wandte ihr langsam den Kopf zu. Die Zeit schien sich zu dehnen. Die Schreie klangen seltsam verzerrt. Die Frau lebte, dem Heben und Senken ihrer Brust nach zu urteilen. Die Gäste versuchten, zu fliehen. An dem Wahnsinnigen vorbei, Richtung Tür und Loch zu strömen. Marti war gar nicht bewusst gewesen, wie voll die Kneipe gewesen war. Endlich nahm die Zeit wieder ihren normalen Lauf. Bruce Banner schlug mit geballten Fäusten um sich. Dabei erwischte er einen Mann – es war Schnecki – an der Schläfe. Schneckis Kopf machte einen Ruck zur Seite, seine Beine knickten ein und er sank regungslos zu Boden. Er verlor eine Menge Blut.
Marti hielt Ausschau nach Georg, da entdeckte er ihn hinter Banner, er hatte es zum Loch geschafft und schlüpfte hindurch.
Scheiße! Warum nur, hatte er sich nicht gleich aus dem Staub gemacht? Jeder, der nicht zerfleischt worden war, war geflohen. Bis auf ihn.
In der Ferne erklang Sirenengeheul. Die Polizei würde jeden Augenblick da sein.
Scheiße! Scheiße! Scheiße!, dachte Marti. Er fasste sich wieder an die Brust, der Schmerz zog bis in seinen Arm. Bruce Banner schlug weiter um sich. Ein hagerer Mann, klein, mit schütterem Haar. Er wirkte seltsam zerbrechlich. Aber die Tische und Stühle flogen umher, als wären sie Spielzeug.
Und während die Sirenen anschwollen, der Schmerz Marti langsam die Sinne raubte und Bruce Banner wütete, wünschte Marti sich, er hätte den Abend auf der Couch verbracht. Die Beschimpfungen seiner Frau über sich ergehen lassen, die immer wieder betonte, wie selten er zuhause war. Und zum ersten Mal seit Ewigkeiten spürte er eine tiefe Zuneigung für Karin.
Bruce Banner entdeckte Marti. Er grinste – vielleicht. Vielleicht war es auch Zorn, der seinen Ausdruck verzerrte. In seinem Blick lag etwas Animalisches, etwas Mächtiges, das nicht zum Rest seine Mikrosomie passte.
Er war bereit, den letzten Gast dieser Kneipe, zu zerfleischen. Draußen quietschten Reifen, eine Autotür wurde zugeschlagen und mit diesem Laut, blieb das Herz in Martis Brust unvermittelt stehen. Polizisten stürmten durch Loch und Tür und umzingelten Banner, der noch immer herüberstarrte. Grinsend oder zornig, während eine Wand aus Finsternis langsam auf Marti zurollte und die Polizisten, Banner, die Kneipe und letztlich ihn, verschluckte.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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