Wer einmal lügt …

3 Wörter Mai 2021
Zombiehund
Bumsfallera
rumschwurbeln

1

»Guckt euch mein neues Handy an.« Demonstrativ hielt Florian es in die Höhe. Für den Fall, dass gleich der ganze Schulhof Interesse zeigen würde.
Die drei Jungen traten näher heran, Oliver schürzte die Lippen. »Aha, ist ja schon ’ne Delle dran.«
»Wo?«, fragte Axel.
Tristan, der immer Bandagen, Pflaster oder Gipsverbände trug, weil er ständig in Raufereien geriet, zeigte mit dem Finger seiner frisch vergipsten Hand auf die linke untere Ecke des Smartphones: »Da!«
Schnell nahm Florian das Handy runter. »Ja, ist mir heute Morgen gleich runtergefallen. Die Tage werde ich mir eine geile Hülle besorgen, damit das Teil beim nächsten Sturz keine Spider-App kriegt.«
Dieser dämliche Oliver. Seit er Kontaktlinsen trug, sah der aber auch alles. Würde er die doofe Brille tragen, die ihm verordnet worden war, würde der sich sicher nicht so aufspielen. Vieraugen waren in der siebten Klasse ein leichtes Ziel für Hänseleien.
»Ach, erzähl doch nix«, sagte Oliver, »das ist bestimmt das Handy von deinem Bruder, weil er jetzt ein neues hat.«
Florian bäumte sich auf. Leider war er trotzdem noch einen halben Kopf kleiner als sein Kumpel.»Nein, Mann, es ist neu!«
»So wie die angeblich neue Jacke letztens? Die, die ich ein paar Tage vorher erst an Fabian gesehen hatte?«
»Wir haben halt die Gleiche.«
»Na, wenn du das sagst.«
Warum gehörte zum Beliebtsein nur dazu, mit solchen Idioten befreundet zu sein? Manchmal wäre Florian doch lieber wie …
»Guckt, wer da ist!«, sagte Axel und ließ sein charakteristisches ›Höhö‹ erklingen. »Bumsfallera!«
Bumsfallera, oder eigentlich Bernadette, stellte gerade ihr Fahrrad in einem der Einzelparker ab. Sie trug ein gelbes Kleid mit roten Punkten. Und Gummistiefel.
Florian schnaufte. »Und die wundert sich, dass wir sie ständig ärgern.«
»Ich glaube, dafür ist die viel zu Matsche im Hirn«, sagte Tristan. »Die schnallt das gar nicht.«
»Höhö«, sagte Axel.
Oliver nickte. »Die lebt in ihrer eigenen Welt. Wieso sonst sagt sie hinter so gut wie jedem Satz ›Bumsfallera‹ und springt und tanzt dauernd durch die Gegend? Mir würde ja schlecht werden vom ganzen Rumschwurbeln. Außerdem erzählt die echt kranken Scheiß.«
»Wie die Sache mit den drei Blitzeinschlägen in nur einer Nacht?«, fragte Tristan.
Die vier kicherten.
»Ja, oder die Geschichte von ihrem angeblichen Hund, den komischerweise noch nie jemand gesehen hat«, sagte Florian
Jetzt lachten sie lauthals.
Einige der vorbeiziehenden Kinder starrten sie verstohlen an. Auch Bernadette wandte sich ihnen zu, sie lächelte und winkte.
»Meine Fresse, ist die verdreht«, sagte Tristan.
»Höhö«, ergänzte Axel.
Der Gong ertönte. Die Kinder strömten zum Eingang des U-förmigen Schulgebäudes, sodass sich eine gewaltige Traube bildete.
Auch die vier Jungen schlenderten los.
»Ich hab mir was überlegt«, sagte Florian. »Wie wär’s, wenn wir Bumsfallera auffliegen ließen?«
»Und wie?«, fragte Oliver.
»Wir vier besuchen sie zuhause und ich filme heimlich alles. Dann zeigen wir das Video in der ganzen Schule herum, damit jeder sieht, dass es keinen blöden Köter gibt.«
»Ich weiß nicht.«
»Doch, das wird super! Bestimmt sind ihre Eltern voll die Messies, ich mach ein paar hübsche Fotos dazu.«
Nach und nach wurde die Traube kleiner und quetschte sich ins Schulgebäude.
»Nee, Mann, lieber nicht«, sagte Tristan.
»Warum? Habt ihr Schiss oder was? Axel?«
»Auf keinen Fall geh ich dahin.«
»Dann geh ich eben alleine. Heute nach der Schule, ihr könnt euch ja noch mal überlegen, ob ihr Schisser bleibt oder mitkommen wollt.«
Während Tristan und Axel ins Gebäude schlüpften, hielt Oliver Florian zurück, indem er ihn am Arm packte. »Das Haus ist unheimlich. Es sieht aus, als würde es leben. Bleib da lieber weg.«
Florian hob eine Augenbraue.
»Nee, echt. Tristan und ich waren einmal da und haben uns rangeschlichen. Wir wollten Bernadette einen Schrecken einjagen und ihr eine tote Maus vor die Tür legen. Wir sind am Kellerfenster vorbei. Das stand auf kipp und da … da sind ein paar echt komische Geräusche raus gekommen. So ein Jammern. Und ein Knurren. Wir sind sofort abgehauen.«
»Ihr habt also doch Schiss.«
»Okay, ja. Aber zurecht! Neulich beim Elternabend hat Bernadette etwas echt Seltsames gesagt. Was Widersprüchliches. Du weißt doch, dass Bernadettes Mutter vor zwei Jahren gestorben ist.«
»Klar, weiß doch jeder. Sie fuhr Fahrrad und irgend so ein Freak hat sie mit seiner Karre umgenietet.«
Oliver nickte. »Beim Elternabend sagte Bernadette, sie findet es schade, dass ihre Mutter nicht hier sein kann.«
»Und was ist daran so widersprüchlich?«
»Sie hat gesagt, ihre Mutter hatte nicht da sein können, weil ihr Vater es verboten hätte.«
Florian schnaufte. »Die ist ja völlig irre.«
»Das war echt gruselig. Bernadette hat ausgesehen, als meinte sie das vollkommen ernst. Kein Grinsen, kein Blinzeln, nichts. Sie hat es so gesagt, als würde ich dir erzählen, dass ich jetzt Unterricht habe.«
»Ja, weil Bumsfallera ’nen Knall hat. Anscheinend bildet sie sich ein, ihre Mutter würde noch leben.«
Oliver senkte den Blick. »Mag sein. Wir kommen aber nicht mit, das musst du alleine machen.«
Florian zuckte die Achseln und die beiden gingen ebenfalls in das Gebäude.

2

Nach Unterrichtsende wartete Florian bei den Fahrradständern. Hier konnte er den Eingangsbereich der Schule ideal beobachten. Die Versager ließen sich tatsächlich nicht blicken. Als die Religionsstunde zu Ende gewesen war, war Oliver geradezu fluchtartig aus dem Klassenraum gestürmt. Von Axel und Tristan, die evangelischen Unterricht gehabt und sich deshalb im Klassenraum nebenan aufgehalten hatten, fehlte ebenfalls jede Spur.
»Dann eben nicht«, sagte Florian und trat einen Kieselstein.
Bumsfallera näherte sich. Sie entdeckte Florian, winkte ihm zu, schloss ihr Rad auf, stieg auf und radelte davon.
Er zählte im Geiste bis 50, dann folgte er ihr.

3

Bernadettes Haus war hinter einem regelrechten Urwald verborgen. Statt die von zwei Hecken umrahmte Einfahrt hochzulaufen, bewegte Florian sich in Hockhaltung durch Büsche und Sträucher. Er hielt die Hände auf Höhe des Gesichtes und hatte Mühe, sich durchzukämpfen. Doch das würde es wert sein. Was machten schon ein paar Kratzer? Am Ende würde er Bumsfallera auffliegen lassen, die Lacher auf seiner Seite haben, und dafür sorgen, dass sie endlich mit ihrem irren Gehabe aufhörte.
Jetzt kroch Florian auf allen vieren durch den Garten. Das Gras war seit Ewigkeiten nicht gemäht worden, es ging ihm bis zum Rücken.
Florian hob den Kopf. Das Haus war tatsächlich unheimlich. Eine wuchtige Villa, verfallen und zugewachsen. Es sah aus, als versuchten die Kletterpflanzen, sie in den Boden zu ziehen, weil sie nicht in ihre Welt gehörte. Das Gebäude hatte eine leicht geschwungene Form, wodurch die beiden äußeren Fenster wie Augen erschienen und die große Eingangstür wie ein gewaltiges Maul. Drei rissige Stufen führten dorthin. Florian entdeckte unten links das Kellerfenster. Der Großteil davon war hinter einem Busch verborgen. Als er weiterkroch, sah er hinter dem Gestrüpp Bumsfalleras Fahrrad. Sie hatte es an die Wand gelehnt.
Ein Windhauch brachte den Urwald zum Zittern. Das Gras kitzelte Florians Gesicht und Nacken. Er fröstelte. Ein seltsamer Geruch stieg ihm in die Nase, stärker, je näher er dem Keller kam. Ein Gestank, den er nicht zuordnen konnte, beißend, schwer. Florian blies kräftig Luft durch die Nase aus, in der Hoffnung, den abartigen Gestank zu vertreiben, doch er hatte sich bereits festgesetzt.
Wie auch in Olivers Erzählung stand das Fenster wieder auf kipp. Leise Stimmen drangen nach draußen, zu leise, um sie zu verstehen.
Florian grinste, fasste hinter sich und zog sein Handy aus der Hosentasche. Er krabbelte vorsichtig weiter und legte sich auf den Bauch, als er das Fenster erreicht hatte. Er hatte perfekte Sicht in den Keller.
Eine Frau stand mit dem Rücken zu ihm mitten im Raum. Sie trug ein weißes Kleid mit dünnen Trägern, aber keine Schuhe. Florian reckte den Hals, um mehr zu sehen. Mit wem unterhielt sich die Frau da?
Der Kellerraum war vollkommen leer, zumindest der sichtbare Bereich. Er war zu groß, zu langgezogen, sodass Florian zwar den linken Teil komplett sehen konnte, der rechte aber größtenteils verborgen blieb. Seltsam, es gab gar keine Kartons oder Schränke. Nur eine Decke lag ausgebreitet auf dem Betonboden der hintern linken Ecke. Und davor stand ein Napf.
Mist. Gibt es etwa doch einen Hund?
Und als hätte er Florians Gedanken gehört, sprang ein Tier aus dem Schatten. Er schaute mit wedelndem Schwanz zu der Frau auf und …
Moment. Was war mit seinem Fell los? Es war schmutzig und sah klebrig aus. An einigen Stellen fehlten Büschel. Florian reckte den Hals ein bisschen mehr – und schrak zurück. Der Hund hatte sich auf den Bauch gelegt, um von der Frau gestreichelt zu werden. Darauf zeichnete sich eine gewaltige Narbe ab. Schwarze Nähte und gräuliche Haut ohne Fell.
Was zum Teufel?
Das Tier setzte sich wieder auf, dieses Mal konnte Florian seine andere Seite sehen. Übelkeit stieg in ihm hoch. Die Haut des Hundes war vollkommen zerfressen. Ein Teil der Rippenbögen war zu sehen. Das Tier spitzte die Ohren und sah Florian nun direkt an. In seinen Augen lag ein seltsamer Schimmer. Golden und gleißend, als tanzten Blitze darin. Er knurrte. Im selben Augenblick wandte sich die Frau um. Ihr Gesicht war das einer Toten.
Florian kreischte.
Er sprang auf die Beine, sie gaben nach und er fiel hin, sprang aber sofort wieder auf. Stolpernd preschte er durchs hohe Gras. Dann sprang er aufs Rad und raste so schnell er konnte nach Hause. Statt seine Mutter zu begrüßen, die Florian mit zusammen gezogenen Augenbrauen musterte, rannte er direkt auf sein Zimmer und verkroch sich unter der Bettdecke.

4

»Ein Zombiehund?«, fragte Tristan. »Aber sonst geht’s dir gut?«
»Es war nicht nur der Hund, ich hab auch ihre Mutter gesehen.« Florian schlang die Arme um den Körper, Oliver und Axel wechselten einen Blick.
Tristan kicherte. »Bist du sicher, dass du kein Fieber mehr hast, Alter? Eine Woche Krankfeiern hat wohl nicht gereicht.«
»Ja, Mann«, sagte Oliver, »wir waren dreimal bei dir zuhause und deine Mutter hat uns jedes Mal weggeschickt, weil du dich so scheiße gefühlt hast. Vielleicht hättest du noch nicht …«
»Ich erzähl keinen Scheiß okay! In diesem Haus leben verdammte Zombies!«
»Okay, okay, komm wieder runter«, sagte Tristan. »Hast du einen Beweis für uns? Du wolltest doch Videos machen.«
»Ich hab mein Handy verloren. Ich glaube, es ist mir aus der Hand gefallen, als ich mich erschreckt habe.«
»War ja klar.«
Florian wollte schreien, aber Oliver hielt ihn zurück.
»Du erzählst ständig Mist«, sagte Tristan. »Und das hier ist nichts anderes. Ich geh jetzt rein. Frau Keimer hat mich auf dem Kieker, wenn ich wieder zu spät komme, darf ich nachsitzen.«
Tristan ging ins Schulgebäude und Florian wandte sich Oliver und Axel zu. »Ihr glaubt mir doch, richtig?«
Die beiden sagte nichts.
»Hey, ihr müsst mir glauben!«
»Hallo, Jungs«, erklang eine Stimme hinter Florian.
Er fuhr zusammen. Bernadette tänzelte an ihnen vorbei und verschwand ebenfalls in der Schule. Oliver und Axel nutzten den Moment und huschten hinterher.
Zitternd stand Florian da. »Ich hab mir das nicht eingebildet«, flüsterte er. »Das hab ich nicht.« Er fühlte sich schon wieder fiebrig und nur der Gedanke daran, mit Bernadette in einem Klassenraum zu sitzen, schnürte ihm die Luft ab. Nie zuvor hatte er sich so allein gefühlt. So unverstanden.
Er wandte sich um und ging nach Hause. Nie wieder würde er Bernadette zu nahe kommen oder sich über sie lustig machen. Zu groß war die Angst, dass sie eines Tages ihren Hund auf ihn losließ. Oder ihre Mutter.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Teilweise kommen mir deine 3Wörter Geschichten ja etwas chaotisch vor. 😂
    Aber mir gefällt sie. Bernadette hat mir in der Geschichte besonders gefallen. Wenn ich mit ihr damals in einer Klasse gewesen wäre, hätte ich mich mit ihr bestimmt angefreundet (sofern sie immer so nett ist, wie sie in der Geschichte wirkt). Ich weiß nur nicht, wie ich auf ihre Mutter oder ihren Hund reagiert hätte, wenn ich mich mal mit ihr getroffen hätte … ^^’
    (Und ob ich den Vater kennenlernen wollen würde, weiß ich auch noch nicht so recht. Er muss schließlich irgendetwas damit zu tun haben. ^^’ )
    Aber der ungepflegte Garten gefällt mir. Das ist sicherlich ein Paradies für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und andere Insekten. 😀

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