Neugier

3 Wörter Juni 2021
Suppe
Gedöns
Arschloch

1

Die Suppe schmeckte grauenhaft. Aber sie war die einzige Nahrung, die Lanas geschundenen Rachen hinunterlief, ohne sich anzufühlen wie eine Armee winziger Katzen mit ausgefahrenen Krallen. Immerhin schmeckte sie überhaupt wieder etwas, was darauf hindeutete, dass die Grippe sich langsam verzog. Na endlich!
Seit zwei Wochen hütete Lana jetzt schon das Bett und verließ es bloß, um zur Toilette zu wanken. So sehr sie auch aufstehen wollte, das Fieber machte ihr zu schaffen. Richtete sie sich auf, verwandelte sich die Welt um sie herum abrupt in ein abstraktes Gemälde. Und obwohl sich die Toilette direkt im Flur nebenan befand, keine sechs Meter entfernt, hatte Lana sie zu Beginn ihrer Grippe lediglich auf allen vieren krabbelnd erreichen können.
Heute Morgen hatte es gereicht, sich an den Türrahmen abzustützen. Sie schätzte, würde sie jetzt gehen, wäre der Schwindel verschwunden.
Lana befühlte ihre Stirn. Sie war nicht mehr heiß. Wenn Jakob von der Arbeit nach Hause kam und Fieber maß, würde er sich sicher freuen. Sie wusste, er machte sich Sorgen. Er wäre lieber zuhause, um seine Frau zu umsorgen, statt neun Stunden lang – zehn, rechnete sie den Fahrtweg mit – im Büro zu hocken und ihr lediglich morgens und abends das Essen ans Bett zu bringen. Oder eher: die Suppen. Als die Grippe über Lana hereingebrochen war, hatte Jakob sich immerhin drei Tage freinehmen können und sie war ihm unglaublich dankbar dafür gewesen.
Eine Diele quietschte.
Lana schaute zur Decke. Der Dachboden. Andauernd klang es, als würde sich dort oben jemand – oder etwas – bewegen. Würde ich in einem Horrorfilm leben, dachte sie, könnte ich die Schritte und das Rumpeln nur nachts hören, weil die Geräusche dann am unheimlichsten sind. Aber das hier ist kein blöder Film.
Da war es wieder, dieses Kribbeln. Sie verspürte es jedes Mal, wenn sie seltsame Geräusche hörte. Ein feines Prickeln auf der Kopfhaut und den Armen, wie der Moment, kurz bevor sich eine Gänsehaut bildete. Ein Teil von ihr wollte nachsehen, ein anderer sich die Bettdecke über den Kopf ziehen.
War sie jemals auf den Dachboden gegangen? Sie konnte sich nicht erinnern. Seltsam. Seit vier Jahren wohnten sie und Jakob schon in diesem Haus und trotzdem wusste sie es nicht.
Schnelle Schritte über ihr.
Das Kribbeln nahm zu. »Vielleicht herrscht da oben Chaos, haufenweise Gedöns verstaut in Kartons und bestimmt gibt es Ratten.« Wie zur Bestätigung rumpelte es, als wäre ein Karton umgefallen. »Fette Ratten. Jakob arbeitet so viel, sicher würde es ihm gefallen, fände er den Dachboden aufgeräumt vor.« Er hielt sich häufig dort auf. Nie über Stunden, dafür regelmäßig.
Erneute Schritte. Sie übten eine beinahe hypnotische Wirkung auf Lana aus. Sie schlug die Bettdecke zurück, ohne den Blick von der Decke zu nehmen.
Was Jakob wohl ständig da oben trieb? Hatte sie ihn je danach gefragt? Wieso erinnerte sie sich nicht?
»Ich habe wohl doch noch leichtes Fieber«, murmelte sie.

2

Kurz darauf fand Lana sich unter der Dachbodenluke wieder. Sie wusste nicht einmal, wie sie hierher gegangen war.
Unheimlich, dachte sie und ein Schauder durchfuhr sie. »Ich lege mich besser wieder hin.« Lana nahm den Ziehhaken, der an der Wand im Flur lehnte, führte ihn in die Öse der Luke und zog sie mit einem Ruck auf. Feine Staubkörnchen wirbelte durch die Luft und tanzen im Schein der Deckenleuchte, während sich die Bodentreppe langsam senkte. Lana packte sie und fuhr sie aus, bis die Leiterfüßchen den kalten Boden berührten. Erst jetzt bemerkte Lana, dass sie sich nicht einmal Socken übergezogen hatte, und schauderte erneut.
Nachdem sie die Stufen halb erklommen hatte, fiel ihr ein, dass sie gar nichts bei sich trug. Keinen Besen, keinen Müllsack, gar nichts. Na ja, einen Blick kann ich ja schon mal erhaschen und dann entscheiden, was ich brauche. Socken zum Beispiel.
Lana kratzte sich am Hinterkopf und kletterte weiter. Sie spürte, wie sich im hintersten Teil ihres Verstandes eine Frage bildete. Warum konnte sie es kaum erwarten, den Dachboden zu sehen? Er musste unendlich schmutzig sein, Böden waren immer schmutzig, sie musste nur an das modrige Ding aus ihrem Elternhaus denken. Staub, Staub, Staub, Insektenleichen und noch mehr Staub. Deswegen hatte sie beim Versteckenspielen mit Ralfi immer gewonnen, ihr Bruder hatte eine furchtbare Stauballergie.
Meine Füße werden voller Rattenscheiße sein, wenn ich fertig bin, dachte sie und wunderte sich, wie ruhig sie blieb. Der Drang, den Dachboden zu betreten war stärker als ihr angeborener Putzfimmel. Aber war der nicht der ausschlaggebende Punkt gewesen, weshalb sie überhaupt diese Leiter emporkletterte? Natürlich, warum auch sonst?, fragte eine Stimme aus derselben Ecke ihres Verstandes, aus der vorhin die Frage hochgespült worden war, und die sich jetzt verdächtig nach ihrer Mutter anhörte.
Lana reckte den Hals. Der Dachboden war riesig. Ein rechteckiger Raum mit einem kleinen runden Fenster am hinteren Ende, durch das ein Strahl Sonnenlicht hereinflutete. Er sah kein bisschen chaotisch aus. Und auch nicht schmutzig. Nur mit den vielen Kartons hatte sie recht gehabt. Sie stapelten sich an den Wänden. Der mittlere Bereich war freigeräumt und wie geleckt, so als hätte Jakob eben erst gesaugt und gewischt.
»Sicher ist wegen des kleinen Fensters der Schmutz nur nicht zu sehen«, flüsterte Lana und fuhr mit dem Zeigefinger über den Holzboden. Sie betrachtete ihren Finger eine Weile und rieb dann mit dem Daumen darüber. Nicht ein Staubkörnchen.
Lana krabbelte die letzten Stufen hoch, sodass sie den Dachboden betrat, und wackelte mit den Zehen. Das Holz fühlte sich kühl und glatt an. Die Luft dagegen schwül und stickig. Sie ließ den Blick schweifen. Was trieb Jakob nur dauernd hier oben? Es gab weder einen Schreibtisch noch einen Fernseher. Sie ging ein Stück. Sicher war es die Nostalgie, die ihn hierher führte. In Kartons verpackte Erinnerungen. Fotoalben, ein Lieblingsspielzeug, das er zwar nicht mehr jede Nacht in den Armen hielt, aber genug dran hing, um es aufzubewahren. Sie stellte sich vor, wie Jakob auf dem Boden kniete und sich weit über einen Karton beugte. Lächelnd schüttelte Lana den Kopf und wollte sich gerade umdrehen, als ihr eine Truhe auffiel. Sie stand neben einem großen Karton und war von der Leiter aus nicht zu sehen gewesen.
Lana runzelte die Stirn und näherte sich ihr. Die Truhe erinnerte an eine Schatzkiste wie sie in Piratenfilmen gezeigt wurde. Groß genug, dass ein Kind oder kleiner Erwachsener sich darin verstecken konnte. Sie war alt und abgenutzt. Zwei Lederriemen hielten sie verschlossen und ein Vorhängeschloss baumelte daran.
Was da wohl drin ist?
Lana ging in die Hocke und strich über den Deckel. Ihre Hand wanderte über die Riemen, bis zu dem Schloss. Wieder spürte sie jenes Kribbeln.
Er wird einen Grund haben, den Inhalt wegzuschließen, hörte sie wieder die Stimme, die sich verdächtig nach ihrer Mutter anhörte.
Wir haben keine Geheimnisse voreinander, antwortete sie ungewohnt trotzig. Etwas an dieser Truhe störte sie. An ihrem Hochzeitstag hatten Jakob und sie sich geschworen, immer ehrlich zu einander zu sein und sich nichts, aber auch gar nichts zu verheimlichen. Und hier stand sie nun, vor einer Schatzkiste, von deren Existenz sie nichts gewusst hatte, von der sie womöglich nie erfahren hätte, hätte die Neugier sie nicht gepackt. Eine Kiste mit geheimem Inhalt.
Das ist nichts. Alte Kleidung, nichts weiter, sagte die Mutter-Stimme. Aber ganz überzeugt klang sie nicht.
Ein plötzlicher Windhauch ließ Lana zusammenfahren. Sie sprang auf und wirbelte herum. Instinktiv sah sie zum Fenster – verschlossen. Einen Moment lang wurde ihr schwarz vor Augen und sie taumelte. Der Schwindel verging, dafür pochte es in ihrem Schädel. Wenn sie noch länger hier oben blieb, würde aus dem Pochen bald ein Hämmern werden.
Aber diese Truhe …
Lana verließ den Dachboden. Die Luke schloss sie nicht.

3

Etwa eine Stunde später kletterte Lana erneut die Leiter hoch. Sie hatte ein Glas Wasser getrunken – bei jedem Schluck verzog sie schmerzhaft das Gesicht. Ihre Halsschmerzen hatte sie ganz vergessen gehabt – und hatte danach den Schlüssel für das Hängeschloss gesucht. Erfolglos.
Nun hielt sie einen Bolzenschneider in der Hand. Sie wusste, wie kindisch ihr Verhalten war. Wahrscheinlich würde Jakob ihr verraten, was sich in der blöden Schatzkiste verbarg, wenn sie ihn fragte, aber die Neugier und der Ärger über ein mögliches Geheimnis trieben sie voran.
Die ganze Zeit über, während sie nach einem passenden Schlüssel gesucht hatte, waren ihr keine seltsamen Geräusche aufgefallen. Lana konnte sich nicht erinnern, wann es auf dem Dachboden jemals so ruhig gewesen war. Immer wenn sie zu Hause war, ob im Urlaub oder nach Feierabend, hatte sie von oben etwas gehört. Und obwohl das mittlerweile so normal für sie war, wie sich am Morgen frische Unterwäsche anzuziehen, hatte sie stets ein mulmiges Gefühl verspürt, sobald sie sich alleine im Haus aufhielt. Die letzten zwei Wochen hatten da keine Ausnahme gemacht.
Lana lauschte. Die Ratten verstecken sich, dachte sie und setzte den Bolzenschneider an den Bügel des Vorhängeschlosses. Das Metall ließ sich ohne große Mühe zerschneiden. Klappernd fiel das Schloss zu Boden. Lana legte den Bolzenschneider neben sich und umfasste vorsichtig die Lederriemen, als würden sie zubeißen, wenn sie zu grob zu ihnen wäre.
Aus dem Flur waren Schritte zu hören.
Ertappt zog Lana die Schultern an und erstarrte in der Bewegung. Mist! Jakob hatte früher Feierabend gemacht und nun würde er sie auf frischer Tat ertappen.
Sie fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht und stand auf – dieses Mal langsamer, damit ihr nicht wieder schwindelig wurde. Die Kopfschmerzen hatten zugenommen. Noch war es kein Hämmern, aber neben dem Pochen verspürte sie einen unangenehmen Druck, der ihren kompletten Schädel ausfüllte.
»Schatz?«, rief sie und ging zur Dachbodenluke.
Wieder hörte sie Schritte. Dieses Mal entfernten Sie sich.
»Ich bin auf dem Dachboden. Es geht mir schon viel besser«, fügte sie hastig hinzu. Lana lauschte. Stille. »Jakob?«
Sie ging die Stufen runter, durchquerte den Flur und das Wohnzimmer. Auch im Schlafzimmer fand sie Jakob nicht.
Lana zuckte die Achseln. Sie war es mittlerweile so gewohnt, irreführende Geräusche zu hören, dass sie sich kaum etwas dabei dachte. Also kehrte sie auf den Dachboden zurück.
Mit der gleichen ehrfürchtigen Handbewegung berührte sie erneut die Riemen der Truhe. Sie zog sie aus den Verschlüssen und verharrte einen Augenblick in gespannter Erwartung. Dann öffnete sie den Deckel mit einem Ruck.

4

Lana legte den Bolzenschneider zurück in die Werkzeugkiste im Abstellraum, der direkt an den Flur angrenzte, und seufzte. Mit in den Händen vergrabenem Kopf ließ sie sich auf die Bodentreppe sinken. Alle Aufregung umsonst. Sie hatte das Vorhängeschloss zerstört, um sich Halloween- und Weihnachtsdeko anzusehen, keine geheimen Schätze. Jakob würde entweder furchtbar wütend werden, was schlimm wäre, oder sie auslachen, was schlimmer wäre. Ausgelacht zu werden weckte unangenehme Erinnerungen an ihre Stiefmutter, deren größtes Hobby es gewesen war, sich über Lana lustig zu machen. Wenn sie neue Kleidung trug; am Tag, als sie ihre Brille erhielt. Am Tag, an dem sie das Gestell gegen Kontaktlinsen tauschte. Nichts war gut genug für diese Frau gewesen. O bitte Gott, lass ihn nicht lachen.
Und als hätte er nur auf ein Zeichen gewartet, hörte Lana, wie sich die Haustür knarrend öffnete und mit einem Knall ins Schloss fiel. Wieder waren Schritte zu hören, aber dieses Mal bestand kein Zweifel daran, dass es sich um Jakob handelte. Sie erkannte sofort seinen Gang, die leichte Rechtsneigung. Die Schritte vorhin hatten anders geklungen. Irgendwie flinker.
Lana drückte gerade die Dachbodenluke zu und nahm den Ziehhaken aus der Öse, als Jakob in den Flur kam.
»Was machst du da?«, fragte er. Seine Stimme klang seltsam gehetzt.
Mit gerunzelter Stirn wandte Lana sich zu ihm um. »Alles okay? Du …«
Jakob packte sie bei den Schultern. Seine Finger krallten sich in ihr Fleisch und sie zuckte zusammen. »Was machst du da?«, wiederholte er.
Lana schluckte schwer. Das sorgte für neuerliche Schmerzen in ihrer Kehle. »I-ich war auf dem Dachboden«, krächzte sie. »Jakob, du tust mir weh.«
Doch er lockerte seinen Griff nicht. Er starrte sie nur mit schreckgeweiteten Augen an.
»Warum benimmst du dich wie ein Arschloch? Lass mich los!« Sie befreite sich aus seinem Griff und wäre beinahe über ihre eigenen Füße gestolpert, weil sie vergessen hatte, dass sich hinter ihr nicht länger die Leiter befand.
Jakob schien eine Weile mit den Worten zu ringen. Er stotterte manchmal und immer, wenn es besonders schlimm wurde, machte er genau so ein verkniffenes Gesicht wie jetzt. »W-w-wie lange?«
»Was?«
»W-wie l-l-lange w-warst du d-da o-oben?«
»Nicht lange.« Das stimmte ja auch. Die meiste Zeit war sie damit beschäftig gewesen, diesen blöden Schlüssel zu suchen. Sie traute sich jedoch nicht, ihm davon zu erzählen. Im Moment traute sie sich gar nicht mehr zu sprechen. Nie zuvor hatte sie Jakob so … wild erlebt.
»Wie lange!« Er schrie jetzt.
»Ich weiß es nicht!«, brüllte sie zurück und bereute es sofort, weil sich ihr Hals anfühlte, als wären diese Wörter ein Schälmesser und ihre Kehle eine Kartoffel.
»Eine Stunde? W-war es länger als eine Sch-sch-stunde?«
Lana antwortete nicht. Als Jakob erneut einen Satz auf sie zumachte, keuchte sie: »Ja! Ja, es war auf jeden Fall eine Stunde. Jakob, was …«
Er taumelte zurück. Seine Arme erschlafften und er ließ sich gegen die Wand sinken.
»Du machst mir Angst«, flüsterte Lana.
Er wollte etwas sagen. Sein Mund klappte ein paar Mal auf und wieder zu.
Sie ging zu ihm, hockte sich vor ihn und legte die Hände auf seine Knie.
Dieses Mal sagte er wirklich was, jedoch so leise, dass sie kein Wort verstand. Lana beugte sich vor, sie neigte den Kopf, sodass er ihr direkt ins Ohr sprechen konnte.
»Befreit«, hauchte er. »D-du hast es b-b-befreit.«
Lana wich zurück. »Was redest du da?«
Nebenan rumpelte es plötzlich und es klang, als bewegte sich jemand leichtfüßig über das Laminat. Bewegte sich in Richtung Flur.
»Es wird uns holen«, sagte Jakob so ruhig, so sachlich, dass sich Gänsehaut auf Lanas Armen ausbreitete. »Ich habe es dort oben b-bannen können, aber ist die Luke zu l-lange … O Lana. Was hast du getan?«
Die Tür öffnete sich quälend langsam und während Lana wie gelähmt und mit angstverzerrtem Gesicht zur Ecke starrte, aus der sich nähernde Schritte zu hören waren, wiederholte Jakob in demselben trockenen Ton: »Es wird uns holen.«

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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