Was war das?

3 Wörter Juli 2021
Kaktuseis
Schreibmaschine
Baumwipfel

1

Heiko lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück, schaute aus dem Fenster und schleckte gedankenverloren an einem Kaktuseis. Seit drei Stunden hatte er nicht ein Wort geschrieben. Er spürte die Anwesenheit der Schreibmaschine vor ihm wie ein drohendes Gewitter. Sie schien ihn regelrecht anzustarren, gar zu verhöhnen.
Du bekommst diesen Roman nie fertig, hörte er sie in Gedanken sagen, deine besten Jahre sind vorbei, akzeptier es endlich. Du bist und bleibst ein Loser, Baby.
Heiko seufzte. Er steckte sich den letzten Happen Eis in den Mund und strich sich über den Bauch. »Ich muss Katja bitten, aufzuhören, mir jeden Mittag Süßigkeiten zu bringen«, murmelte er. »Sonst seh ich bald aus wie Onkel Ben.«
Er lehnte sich vor. Seine Finger schwebten über der Tastatur. Verharrten. Langsam begann er zu tippen. I-c-h b-i-n e-i-n V-e-r-s-a-g-e-r. Heiko betrachtete sein Werk, zog mit einem Ruck das Blatt Papier heraus, zerknüllte es und warf es achtlos hinter sich. Dann lehnte er sich erneut zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Vielleicht wird es Zeit, doch auf einen Laptop umzusteigen.«
Vor seinem Fenster wiegten sich die Baumwipfel zu einer für ihn nicht hörbaren Melodie hin und her.
»Als könnte ein Laptop etwas ändern.«
Die Sonne funkelte durch das saftige Grün.
Heiko klatschte sich zweimal mit den Handflächen gegen die Wangen. »Reiß dich zusammen und schreib diesen verdammten Roman!«
Eine Bewegung ließ ihn innehalten. War da nicht eben etwas durch die Bäume gehuscht?
Heiko setzte sich auf. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte es das komplette Sonnenlicht verschluckt. Was für ein Tier mochte das gewesen sein? Er stand auf und beugte sich über seinen Schreibtisch. Nichts zu sehen.
Schade. Ein bisschen Inspiration wäre jetzt genau …
Es klopfte.
Heiko wandte den Kopf nach rechts. Was war das? Hatte es eben in der Wand geklopft? Das konnte nicht sein. Diese Wand führte geradewegs ins Nichts. Drei Meter hohes Nichts, ehe man auf Gras träfe. Mit zusammengeschobenen Augenbrauen schob er den Stuhl zurück, durchquerte sein Büro und presste ein Ohr gegen die Tapete, auf der in großer, geschnörkelter Schrift ›Coffee break?‹ stand. Eine Erinnerung an Pausen, die er einhalten …
Wieder klopfte es. Direkt auf Höhe seines Ohres. Heiko sprang zurück. »Was zum Teufel?«
Ohne zu wissen, wieso, ballte er seine Hand zur Faust und erwiderte das Klopfen.
Er wartete.
Nichts.
»Was habe ich erwartet? Eine Antwo…«
Es klopfte zweimal.
Heiko fuhr sich mit der Hand durch sein schütter werdendes Haar. Er leckte sich die trockenen Lippen, trat erneut vor und klopfte zweimal gegen die Wand.
Dieses Mal kam die Antwort sofort. Pock! Pock!
In seinem Magen entstand ein Ziehen, dass ihn entfernt an eine Achterbahnfahrt erinnerte. Er nahm einen tiefen Atemzug, dann ging er mit dem Gesicht so nah an die Tapete, dass seine Nasenspitze sie fast berührte und krächzte: »Hallo?«
Und die Hölle brach los.
Es klopfte wieder. Dieses Mal schwoll es zu einem wahren Klopf-Hagel heran. Es wanderte. Erst Richtung Decke, weiter Richtung Tür.
Heiko taumelte zurück, die Handflächen gegen die Ohren gepresst.
Der Bilderrahmen, in dem sich das Zertifikat seines ersten gewonnenen Schreibwettbewerbs befand, fiel krachend zu Boden. Der ganze Raum schien im Rhythmus des Klopfens zu vibrieren.
»Hör auf«, hauchte Heiko. Dann lauter und lauter: »Hör auf! Hör auf! Hör auf!«
Es klopfte an der Tür, genau dreimal und plötzlich herrschte Stille.
Heikos Atem ging schnell und stoßweise, das Gefühl in seinem Bauch hatte sich ausgebreitet, sodass sich seine Knie weich und seine Arme taub anfühlten. Eine Weile stand er einfach nur da. Lauschte. Wartete voller Entsetzen darauf, dass das Klopfen erneut einsetzen würde, oder dass gar die Tür aufschwang und etwas davor stehen würde. Eine Kreatur mit langen Extremitäten und viel zu großen Händen.
Nichts dergleichen geschah.
Langsam setzte Heikos Verstand wieder ein und seine Frau kam ihm so abrupt in den Sinn, dass ihm ganz schwindelig wurde. »Katja!«
Er sprintete los, riss die Tür auf – zum Glück befand sich niemand davor – rannte die Treppe hinunter und rief erneut ihren Namen: »Katja! Katja, alles okay? Katja!«
»In der Küche«, kam es zurück und Heiko war, als fiele eine gewaltige Last von ihm. Er erreichte den Treppenabsatz und eilte – nun nicht mehr ganz so gehetzt – Richtung Küche.
Katja hatte ihm den Rücken zugewandt. Sie stand vor der Spüle und war damit beschäftigt, den Abwasch zu erledigen.
Heiko schlang von hinten die Arme um sie und küsste ihren Hals. »Geht es dir gut?«, fragte er keuchend.
»Huch! So stürmisch?«, sagte sie, drehte sich zu ihm um und betrachtete ihn mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier. »Das sollte ich besser dich fragen. Du schwitzt. Wirst du krank?« Sie befühlte seine Stirn.
Heiko schüttelte den Kopf. »Zumindest nicht körperlich. Hast du das Klopfen gehört?«
Katja machte ihr typisches Nachdenk-Gesicht, indem sie nach links oben schaute und leicht die Unterlippe vorschob.
Am liebsten hätte er sie erneut in seine Arme gezogen und nie mehr losgelassen, aber es erschien ihm unpassend. Katja war so unfassbar ruhig. Den Lärm hätte sie doch hören müssen.
»Tut mir leid, ich habe nichts mitgekriegt.« Sie betrachtete ihn eindringlich. »Geht es dir wirklich gut?«
»Ja. Ich dachte, ich hätte … Ach, egal.«
»Du hast wieder mal deine Pausen nicht eingehalten. Ich hab dir immer gesagt, das wird dich noch mal kirre machen. Bestimmt bist du eingeschlafen und hast schlecht geträumt.«
»Das wird es gewesen sein.« Ganz überzeugt davon, war er zwar nicht, aber vermutlich hatte sie recht.
Katja grinste. Es war ein breites, erstarrtes Grinsen, das ihr Gesicht beinahe puppenhaft erscheinen ließ. Heiko trat einen Schritt zurück, erneut ohne genau zu wissen, wieso. Gerade, als ihm ihr Grinsen unangenehm wurde, entspannte sich Katjas Mimik und sie wandte sich wieder dem Abwasch zu.
Heiko unterdrückte ein Seufzen und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn.
Sie denkt, du wirst irre, deswegen das falsche Grinsen, hörte er die Stimme der Schreibmaschine.
Vielleicht werde ich das. Heiko ging aus der Küche, aber nicht zurück ins Büro, sondern ins Wohnzimmer. Feierabend war jetzt genau das, was er brauchte.

2

Ein warmer Lufthauch weckte ihn, aber der Schlaf hatte Heiko so fest im Griff, dass er die Lider nicht öffnen konnte. Sie waren so schwer. Er wollte schlafen. Einfach schlafen.
Wieder ein Luftzug. Er war so regelmäßig, als würde ihm jemand direkt ins Gesicht atmen.
Unsinn.
Der Hauch ließ nicht nach und hörte er nicht sogar leise, aber tiefe Atemzüge?
Langsam hob Heiko die Lider, doch sie fielen sofort wieder zu.
Schlafen. Einfach schlafen.
»Hallo, Schatz.«
Heiko riss die Augen auf. Über ihm gebeugt stand Katja. Wieder grinste sie dieses starre Puppengrinsen, aber irgendetwas stimmte nicht. Im fahlen Mondlicht konnte er nur die Hälfte ihres Gesichtes erkennen. Sie hatte die Lippen leicht geöffnet und entblößte Zähne, die nicht ihre waren. Spitze, scharfe Zähne. Unmenschliche Zähne. Die Stimme, die er gehört hatte, war nicht die seiner Frau gewesen. Sie hatte dröhnend geklungen, pochend, fast wie ein Klopfen.
Die Kreatur öffnete den Mund. Weiter und weiter, zeigte ihre schrecklichen Haifischzähne. Dann biss sie zu.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

Schreibe einen Kommentar

* Ich stimme den Datenschutzbedingungen zu