Verschwunden

3 Wörter August 2021
Anarchie
Küchenmaschine
Schokopudding

1

»Wo bist du letzte Nacht hingegangen?«
»Was meinst du?«
»Du warst nicht da. Ich habe zu deinem Bett rüber gesehen, aber du warst verschwunden.«

2

Liz erwachte mit rasendem Herzen. Ein Sonnenstrahl, in dem kleine Staubkörner schwebten, kitzelte ihre Nase und sie setzte sich auf. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es bereits nach acht war. Dabei hatte sie schon um sieben Uhr joggen wollen.
Mist.
»Alles okay, Schatz?«
Die Bettdecke raschelte, ehe ein brauner Haarschopf zum Vorschein kam.
Liz lächelte und strich durch das dichte Haar.
Stefan setzte sich ebenfalls auf, sodass die Bettdecke jetzt nur noch seinen Unterleib bedeckte, er betrachtete sie eingehend. »Wieder ein Albtraum?«
Liz gab ihm einen Kuss, dann nickte sie knapp.
»Erzähl mir davon.«
»Oh, weißt du …«
»Nix da«, unterbrach er sie, »ich bin lange genug geduldig geblieben. Ein Jahr, Liz, seit einem Jahr bemerke ich, wie du jede Nacht aufschreckst. Als ich dich das erste Mal danach gefragt habe, hast du abgewunken und ich habe mir gedacht, sie wird es schon erzählen, wenn sie bereit dazu ist, aber du hast es bis heute nicht getan.« Stefan nahm ihre Hand in seine und drückte sie. »Sprich mit mir.«
Liz nahm ihr Haar in die freie Hand und legte es sich über die rechte Schulter. In der Bewegung hielt sie inne. Früher hatte sie das oft getan. Es war ihr Markenzeichen gewesen, damals, noch bevor …
Stefans Finger auf ihrer Wange holten sie in die Wirklichkeit zurück. »Was ist los?«
»Erinnerungen«, sagte Liz und lächelte dünn, dann seufzte sie. »Also gut. Du hast recht, es wird Zeit, dir von meinen Träumen zu erzählen. Ich hab sie, seit ich zehn war, aber in letzter Zeit scheinen sie … irgendwie stärker zu werden. Realer. Es ist, als wäre ich tatsächlich dort.«
»Wo?«
»In meinem alten Kinderzimmer. Ich bin wieder ein kleines Mädchen. Habe ich dir je von meiner Schwester erzählt?«
»Nur, dass sie gestorben ist als du …«, er zögerte, »… als du zehn Jahre alt warst.«
»Ja, wahrscheinlich ist sie das.«
Stefan runzelte die Stirn.
»Miri hat mir oft erzählt, sie würde nachts eine fremde Welt besuchen. Sie nannte sie die ›Schokopudding-Welt‹. Dort soll es wunderschön gewesen sein, aber auch gefährlich. Pure Anarchie. Es gibt da Kreaturen, Stefan, mit brauner Haut und schleimig wabbelnder Konsistenz. Daher der Name. Schokopudding, verstehst du?«
»Ich denke schon.«
»Diese Wesen geben ein abartiges Geräusch von sich. Ein schmatzendes Ploppen. Fast so, wie wenn man die Lippen aufeinanderpresst und Luft entweichen lässt. Dieses Geräusch ist es, das mich aus meinen Träumen reißt. Immer. Und manchmal … manchmal höre ich es auch, wenn ich nicht schlafe. Dann, wenn ich nachts wachliege.«
Stefan legte einen Arm um sie. Er zog sie an sich und strich sanft mit dem Daumen über ihren Oberarm. »Das klingt furchtbar. Du vermisst deine Schwester bis heute sehr, hm?«
»Sie war eines morgens einfach verschwunden. Meine Eltern haben geglaubt, sie sei entführt worden. Aber sie ist in die Schokopudding-Welt gegangen, um dort zu herrschen.«
Stefan hielt einen Moment inne, dann streichelte er ihren Arm weiter.
»Sie hat mir erzählt, sie wäre die einzige Person, die das könne. Sie wäre auserwählt und ich solle nicht traurig sein, wenn ihre Zeit gekommen ist, hinüberzugehen.«
Wieder dieses Stocken. Liz rückte von Stefan ab und sah ihn an. »Du glaubst mir nicht.«
Er antwortete nicht sofort. »Du musst zugeben, dass das alles ganz schön …«
»Ich bin in vielen Nächten aufgewacht und Miri war verschwunden. Ständig! Und sah ich ein paar Minuten später erneut hin, lag sie in ihrem Bett und hat seelenruhig geschlafen.«
»Liz …«
»So ist es gewesen! Und irgendwann ist sie einfach dortgeblieben. Weil sie es musste. Sie ist geblieben, ohne Lebewohl zu sagen.« Liz kämpfte mit den Tränen.
»Du hast etwas Furchtbares erlebt.«
Das war alles? Das hatte Stefan dazu zu sagen? Schönen Dank auch! Dass der Verlust ihrer Schwester furchtbar war, wusste sie selbst. Er hatte sie gedrängt, über die Vergangenheit zu sprechen, und jetzt glaubte er ihr nicht ein Wort. Nicht ein verdammtes Wort! Sie schlug die Bettdecke zurück und stand auf.
»Wo gehst du hin?«, fragte Stefan.
Sie antwortete nicht, knallte dafür demonstrativ die Tür hinter sich zu. Im düsteren Flur atmete sie ein paar Mal tief durch. Sie würde Stefan ein bisschen schmoren lassen und ein oder zwei Stunden später zurück zu ihm ins Bett krabbeln. Sie würde noch immer wütend sein, aber nicht mehr sehr. Ihre Wut auf ihn hielt nie lange an, so wie er nie lange wütend auf sie war. Jetzt jedoch brauchte sie Abstand. Und sie hatte Heißhunger auf Schokopudding. Wenn Liz sich recht erinnerte, lag eine fertige Backmischung im Schrank in der Küche. Küchenmaschine sei dank war sie nicht gezwungen, mitten in der Nacht noch Aufwand zu betreiben. Monsieur Küch wird mir was Feines zaubern.
Auf ihrem Weg durch die Räume brauchte Liz kein Licht. Ihre gemeinsame Wohnung war klein und sie beide waren ordentlich. Keine Stolperfallen. Doch nachdem sie durch das Wohnzimmer gegangen war und im Türrahmen der Küche stand, überkam sie ein mulmiges Gefühl. Sie drückte den Lichtschalter und kniff die Augen zu, um nicht geblendet zu werden. Liz wartete ein paar Sekunden, dann öffnete sie die Lider wieder.
Die Küchenmaschine – Monsieur Küch, der Name stammte von Stefan und Liz hatte sich halb totgelacht, als er ihn zum ersten Mal ausgesprochen hatte – schien sie regelrecht anzugrinsen. Liz rieb sich den Bauch und grinste zurück. Das letzte Mal hatte sie sich so sehr auf Schokopudding gefreut, als …
Ein schmatzendes Ploppen schnitt ihre Gedanken ab wie eine Schere ein Stück Schnur. Sie wirbelte herum, eine Hand presste sie gegen ihr wild schlagendes Herz. Im Wohnzimmer herrschte Dunkelheit, doch durch die Deckenbeleuchtung der Küche war klar erkennbar, dass es leer war. Niemand da. Kein Wesen aus einer anderen Welt. Der Schokopudding-Welt.
Liz fröstelte. Sicherheitshalber schloss sie die Küchentür, ging zum Schrank und holte die Puddingtüte heraus. Ihre Finger zitterten leicht. Gerade, als sie die Türen schließen wollte, erlosch das Licht.
Liz gab einen spitzen Schrei von sich. Sie war mitten in der Bewegung erstarrt und wagte es nicht, sich zu rühren.
Ihr Herz schlug jetzt so schnell, dass es schmerzte. Und dann hörte sie es wieder. Das schleimige Ploppen. Laut und widerlich.
»Hallo, Liz.«
Vor Schreck taumelnd, krachte Liz mit dem Rücken gegen den Küchenschrank. Sie Puddingtüte, die sie fest umklammert hatte, riss sie versehentlich entzwei. Liz hörte, wie die Backmischung darin prasselnd auf dem Boden landete.
Diese Stimme. Das war nicht möglich.
So sehr Liz sich auch bemühte, sie konnte nichts sehen. Das Rollo war heruntergelassen, das Licht erloschen, alles, was Liz erkennen konnte, war absolute Schwärze. Dafür spürte sie aber etwas ganz deutlich. Sie war nicht allein in diesem Raum. Und wer auch immer hier bei ihr war, konnte sie sehr wohl sehen.
»Was für ein Jammer«, sagte die Stimme.
Sie jagte kleine Stromstöße durch Liz’ Körper. Ihre Lippen waren so trocken, dass sie aneinanderklebten und ihr beim ersten Versuch zu sprechen nur ein unverständliches Nuscheln entwich. Nun gelang es ihr, den Mund zu öffnen, dennoch war ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. »Miri?«
Das war sie. Eindeutig! Sie klang ein wenig tiefer vielleicht und weniger kindlich, ja, erwachsen, aber es war Miri! »Miri?«, wiederholte Liz.
Ein Kichern folgte als Antwort.
Liz wollte zurückweichen, der Schrank ließ sie nicht. Ja, das war das Lachen ihrer Schwester. Und doch war sie es nicht. Dieses Wesen klang wie Miri, aber in ihrer Klangfarbe lag etwas Unmenschliches. Etwas Böses.
»Sie war zu schwach«, sagte die Kreatur mit der Stimme ihrer Schwester. »Sie hat es versucht, sogar erstaunlich lange durchgehalten, am Ende hat es nicht gereicht.«
Liz nahm eine Bewegung wahr. Dachte zumindest, eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Umrisse einer Frauengestalt zu erkennen, einer Frau mit langem, lockigen Haar.
Miri hatte Locken gehabt. Wilde, unbändige Locken. Es hat ihren Körper. Es hat sie umgebracht und sich ihren Körper geschnappt!
»Ja, das habe ich.«
Liz wurde schwindelig. Ihre Beine gaben nach und sie sank zu Boden. So sehr in ihrem Inneren auch alles danach schrie, wegzulaufen – irgendwie einen Weg an dem Ding, das in ihrer Schwester hauste, vorbei zu finden und zu fliehen, Stefan zu wecken und einfach nurvzu fliehen! – ihr Körper gehorchte ihr nicht.
Wieder ertönte dieses grässliche Geräusch. Das schleimige Ploppen.
»Die Zeit ist gekommen«, fuhr die Kreatur fort, »uns auch diese Welt zu eigen zu machen. Denn nun gibt es niemanden mehr, der uns aufhalten kann.«
Liz hörte schlurfende Schritte. Schritte, die sich ihr langsam näherten.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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