Würmer

3 Wörter September 2021
Wirsingroulade
Katzenpfote
Wurm

Mia atmete tief ein und nahm den Duft der Wirsingroulade geradezu in sich auf. Trotz ihrer vorherigen Angst, das Rezept ihrer Oma zu vermasseln, war es ihr erstaunlich leicht von der Hand gegangen. Aussehen und Duft stimmten schon mal, wenn die Roulade jetzt auch noch schmeckte wie früher …
Mia führte den Gedanken nicht zu Ende. Sie schnitt ein Stück ab, pustete und steckte es sich in den Mund. Der Geschmack – eine wahre Flut der Nostalgie – entlockte ihr einen kurzen Aufschrei hinter verschlossenen Lippen. Sie hob Messer und Gabel in die Lüfte und schüttelte sie, als wären sie Pompons in den Händen einer Cheerleaderin.
Noch kauend bemerkte sie eine Bewegung aus den Augenwinkeln und entdeckte einen Wurm am anderen Ende des Küchentischs.
»Ihh!«
Das Vieh kroch über die Tischplatte. An seinem braunen Körper klebten winzige Brocken Erde. Mia hatte nie zuvor erlebt, dass sich ein Regenwurm in ein Haus verirrt hatte und schon gar nicht auf den Tisch. Doch das kümmerte sie im Augenblick wenig. Sie mochte Würmer nicht, verabscheute sie regelrecht. Jede Art von Wurm sorgte für Schauersalven, die ihren Körper durchfuhren.
Ein heißer Sommertag kam Mia in den Sinn. Sie war acht, tanzte die Einfahrt in ihrem luftigen Kleidchen auf und ab und lachte auf, sobald ihr die Zöpfe ins Gesicht peitschten. Sie entdeckte die Nachbarskatze bei den Mülltonnen. Das Tier spielte mit irgendetwas. Immer wieder streckte es eine Vorderpfote aus und stupste etwas an. Mia packte die Neugier. Sie ging zu ihr. »Na, kleine Miezekatze?«
Ein Knall folgte – der Überschallknall eines Düsenjets. Ein Laut wie ein Gewehrschuss. Das Tier und Mia sprangen gleichzeitig vor Schreck in die Luft. Die Katze schoss durch ihre Beine davon, Mia verlor das Gleichgewicht und rammte eine der Mülltonnen. Krachend polterten Tonne und sie zu Boden. Der Deckel war ein Stück weit geöffnet, sodass Mia ein stechender Gestank in die Nase stieg – da entdeckte sie sie: Maden. Überall Maden. Sie krochen über den Boden, krochen aus der Tonne, krochen über Schuhe und Finger.
Mia kreischte, sprang auf und rannte nach Hause. Ein unbändiger Juckreiz befiel ihren Körper. Ein Juckreiz, der erst nach Stunden nachlassen würde und der immer dann zurückkehrte, wenn sie eine Made sah.
Auch jetzt spürte sie ein leichtes Kribbeln auf den Armen. Dabei kroch bloß ein lausiger Regenwurm über den Tisch. Mia erhob sich, ohne den Blick vom ihm zu nehmen, ging langsam zum Unterschrank der Spüle und holte Handfeger und Schippchen daraus hervor. Während sie unter Würgelauten den Wurm aufs Kehrblech fegte, der sich krümmte und wand, sah sie erneut die Katzenpfote vor sich, die leicht eine Made anstupste.
Mia ging zum bereits geöffneten Fenster und beförderte das wirbellose Tier schwungvoll hinaus. Aus einem seltsamen Gefühl der Vorsicht heraus, schloss sie das Fenster, seufzte erleichtert auf, legte Handfeger und Schippchen auf der Fensterbank ab und schlenderte zurück zu ihrem Stuhl.
Über die Sitzfläche kroch eine Raupe.
Sie war dick und haarig und ihr Körper so groß wie ein Ringfinger. Mia schrie auf und schlug die Hände vor den Mund.
Was ist hier los?, dachte sie und erblickte zwei weitere Raupen, die über den Tisch krochen.
Mia wich zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die Spüle stieß. Als sie sich mit den Händen abstützen wollte, berührte sie etwas Weiches. Etwas, das sich wand. Wieder schrie Mia auf und taumelte. Auf Spüle und Arbeitsplatte krochen mindestens 10 Würmer herum. Haarige, lange, kurze, braune, grüne Würmer.
Mia war wie erstarrt. Ich muss einen Kammerjäger rufen, schoss es ihr durch den Kopf, doch ein Geräusch ließ sie innehalten.
Es war ein Knistern.
Und es kam aus dem Unterschrank der Spüle. Sie wollte ihn nicht öffnen, aber ihr Körper schien wie fremdgesteuert. Mia sah sich dabei zu, wie sie die Hand ausstreckte, wie sie den Griff umfasste und die Schranktür aufzog. Das Knistern kam aus dem Mülleimer.
Ich sehe nicht hinein. Ich werde das verdammte Ding nicht rausziehen.
Ihre Finger näherten sich dem Eimer. Langsam und zittrig. Sie zog ihn zu sich.
Dieses Mal schrie Mia nicht nur kurz auf, sie kreischte.
Maden. Überall! Sie wuselten in der Mülltüte umher, in der nichts weiter lag als heute Morgen frisch aufgefegte Staubflusen. Sie krochen die Tüte empor, die weißen Körper übersät mit Schmutz. Sie lugten über den Rand. Fielen zu Boden. Robbten nebeneinanderher und übereinanderweg wie in einem verdammten Miniatur-Schlangennest.
Mia taumelte zurück. Unter ihren Füßen wimmelten weitere Würmer. Würmer, Raupen, Maden aller Art. Es waren unzählige.
Sie prallte gegen die Möbel, zerzauste sich von einem unbändigen Juckreiz gepackt das Haar, klopfte sich die Kleidung ab. Mia hatte das Gefühl voll von ihnen zu sein. Weiter um sich schlagend rannte sie zur Haustür, öffnete sie und sprintete über ihre Einfahrt. Der Boden war übersät mit weißen, umherwuselnden Maden.
Jemand packte Mia bei den Schultern und riss sie herum. Ein Mann schrie sie an, doch sie verstand kein Wort. Ihr Geist erfasste nichts von dem, was er sagte. Alles, was in ihrem Kopf kreiste, waren Würmer.
Ein Ruck durchfuhr Mia, als der Mann sie schüttelte. Endlich drangen seine Worte zu ihr durch: »Soll ich einen Arzt rufen? Was ist los mit Ihnen?«
Mia hielt inne. Auf dem Boden befanden sich keine Maden mehr.
»Würmer«, keuchte sie, »sie waren überall.«
Der Mann runzelte die Stirn. »Hier sind nirgends Würmer.«
»Doch! Sie waren da! Mein Haus ist voll davon. Meine Einfahrt …«
»Sie sind aus ihrer Tür geschossen und wie von der Tarantel gestochen auf die Straße gerannt. Ein Auto hätte sie erfassen können.«
»Die Maden …«
»Hören Sie, da sind keine Maden. Schauen Sie, in Ihrer Einfahrt ist nichts.«
Mia wandte sich um. Langsam. Ihr Körper fühlte sich verspannt und gleichzeitig gummiartig an.
Nichts. Da war tatsächlich nichts in ihrer Einfahrt. »Aber …«
»Sind Sie sicher, dass ich keinen Arzt rufen soll?«
Mia drehte sich ihm wieder zu. »Nein, es geht mir besser. Ich muss …«
Auf der Schulter des Mannes kroch ein dreckverkrusteter Regenwurm. Eine Made bahnte sich ihren Weg über seine Wange Richtung Nasenloch.
Mia schrie, stieß den Mann von sich und rannte davon. Eine monströse Raupe kam um die Kurve geschossen. Sie war so groß wie aus einem schlechten Horrorfilm entsprungen. Sie …
Nein, keine Raupe.
In dem Moment in dem Mia realisierte, dass es ein Bus war, der ihr entgegenkam, spürte sie einen rasenden Schmerz, der durch ihren Körper fegte. Und während die Dunkelheit näher und näher kroch, hörte sie die Kreaturen, die in ihr lebten. Sie wuselten umher, wanden ihre langen, dünnen Körper. Krümmten sich, streckten sich, krümmten sich erneut. Würmer überall. Würmer, die Mia langsam verschlangen.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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