Heffalump

3 Wörter Oktober 2021
Rüssel
Photosynthese
Heiratsantrag

1

»Hach, es geht doch nichts über Winnie Puuh an Halloween!« Lisa verschränkte die Arme hinter den Kopf und lehnte sich zurück.
Alex drückte die Stopp-Taste, woraufhin der Abspann auf dem Bildschirm verschwand. Er schaltete den Fernseher aus und lehnte sich ebenfalls zurück. »Du meinst ›Hallowarwas‹.«
Lisa lachte. »Genau! Nach all den Horrorfilmen tut diese Folge einfach nur gut.«
»Jap. Ist ’n Muss.«
»Und du weißt, was jetzt kommt.« Sie grinste und ließ ihre Augenbrauen auf und ab tanzen. Als hätte die Uhr nur auf diesen Kommentar gewartet, schlug sie Mitternacht.
Gemeinsam riefen sie: »Der Friedhofsspaziergang!«
Nach dem zwölften Glockenschlag sprangen Lisa und Alex auf, schnappten sich ihre Mäntel und verließen das Haus.

2

Hand in Hand spazierten sie die Nilsstraße entlang und summten die Melodie von ›Heffalumps und Wusel‹, bis die Pforte des Friedhofs in Sicht kam.
»Wir sollten an Halloween heiraten«, sagte Lisa.
Alex lachte. »Klar, von mir aus gern. Könnte dieses Jahr knapp werden, wenn dir nächstes Halloween nicht zu lange hin ist, bin ich dabei.«
»Ich hätte auch gestern schon mit dir die Kirche gestürmt, direkt nach deinem Heiratsantrag! Aber nächstes Jahr klingt gut.«
Sie küssten sich, dann betraten sie den Friedhof.
»Woah! Spooky!«, sagte Alex. »Eben war doch noch kein Nebel da gewesen, oder bin ich doof?«
Lisa und er drehten sich um. Außerhalb des Friedhofs war die Luft klar. Sie konnten sogar die Baumkronen des Grubinger Forstes in der Ferne tanzen sehen. Als sie sich wieder in Richtung der Gräber wandten, wechselten sie einen Blick. Auf dem Boden waberten dichte Nebelschwaden. Nicht einmal ihre Schuhe konnten sie erkennen. Einzig die Spitzen der Grabsteine lugten hervor und die Statue der Maria, die – obwohl sie das Jesusbaby in den Armen hielt und es zu ihr aufsah – den steinernen Blick auf die Menschen gerichtet hatte, die sie betrachteten.
Beide spielten mit dem Gedanken, umzukehren. Doch keiner von ihnen sagte etwas. Sie wollten nicht in den Augen des Partners als Angsthase dastehen.
»Eine Nebelmaschine?«, fragte Lisa.
Alex zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich. Vielleicht drehen gerade ein paar Jugendliche einen Amateur-Kurzfilm oder so. Dann könnten wir gleich auf eine Horde Zombies treffen.« Er versuchte zu klingen, als könnte er es kaum erwarten, fand jedoch, dass seine Stimme eine Spur zu hoch klang, und räusperte sich.
»Stark! Los geht’s!« Lisa unterdrückte einen Schauder, was ihr allerdings nicht gelang. Daher fügte sie hinzu: »Brr, ist das kalt.«
Während die beiden vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzten, bemerkten sie nicht die gelben Augen, die in einiger Entfernung über einer Engelsfigur schwebten, und sie beobachteten.

3

Es lauerte und es war hungrig. Ein ganzes Jahr hatte es auf Menschenfleisch verzichten müssen. Allein der Gedanke an die blutigen, saftigen Fetzen, die es aus den Körpern der beiden Menschen reißen würde, entfachte eine schier unerträgliche Gier. Es wischte sich mit dem Rüssel über den Mund. Speichel tropfte zu Boden, verdampfte und ließ mehr Nebel entstehen.
Ein Jahr. Ein ganzes Jahr. Und wie immer blieb nur eine Nacht, um sich zu laben.
Weiterer Speichel floss, weiterer Nebel hüllte es ein, verbarg seine Gestalt vor den Augen seiner Beute. Sein Magen knurrte donnernd.

4

»Was war das?« Lisa schmiegte sich enger an Alex.
Der war damit beschäftigt, nicht zur Statue der Maria zu sehen, die sie gerade passierten. Die war bei Tageslicht schon unheimlich, aber bei Nacht erwartete er jedes Mal, sie würde blinzeln oder sich gar erheben, um ihn zu jagen.
»Was?«, fragte er.
»Ich dachte, ich hätte was gehört. Ein Knurren oder so.«
Alex kicherte. Das hörte sich in seinen Ohren eher wie ein Keuchen an. »Und gleich erzählst du mir, du hättest den Hund von Baskerville gesehen oder Pennywise, den Clown. Du machst mir keine Angst, Lisabella. Horrorfreak, vergessen? Wenn Jason, Freddy oder Michael aus dem Gebüsch sprängen, würde ich sie bejubeln.«
Lisa achtete kaum auf ihn. Irgendetwas kam ihr unheimlich vor. Sie hatte das Gefühl, nicht allein zu sein. Gar beobachtet zu werden. Und was sie eben gehört hatte, war doch niemals ihrer Einbildung entsprungen. Oder? Ja, sie hatte eine lebhafte Fantasie, genau wie Alex, und ja, sie beide machten diesen Spaziergang des Nervenkitzels wegen, weil sie sich gerne gruselten. Aber heute Nacht stimmte etwas nicht.
Während Lisa überlegte, ob ihre Fantasie ihr bloß einen Streich spielte – schließlich war Halloween – näherte sich ihr Verfolger.

5

Oh, dieser Geruch! – süßlich, fiebrig! Herrliche, herrliche Angst. Es konnte ihm kaum widerstehen. Diese Menschen würden ihm ein besonders köstliches Festmahl bescheren. Und es würde es genießen. Es würde sich Zeit lassen, ehe es erneut dazu verdammt war, unterzutauchen und auf die nächste Nacht zu warten, die die Menschen ›Halloween‹ nannten. Dieser verfluchte Autor und seine Magie. Es hätte ihn mitsamt seinen lächerlichen Geschichten verschlungen, hätte das Alter ihn nicht letztlich dahingerafft. Es hatte zu lange gewartet, hatte noch ein paar wenige Jahrzehnte mit seinem Verstand spielen wollen – der Wahnsinn versprühte ein so wunderbares Aroma – doch dann war es zu spät gewesen. Das würde ihm nie wieder passieren. Es würde speisen. Und wenn diese beiden Menschen nicht ausreichten, würde es sich weitere Menschen suchen. Es gab immer mehr. Es war nur an die Zeit gebunden, nicht an den Ort.
Und während es trotz seines massigen Körpers lautlos den Abstand zur Beute verringerte, verflogen auch die letzten Zweifel, ob der Friedhof eine dumme Idee gewesen sein könnte, um auf die Jagd zu gehen.

6

Sie spürten sie nun beide. Die Gewissheit verfolgt zu werden. Der verdammte Nebel schien von Sekunde zu Sekunde zuzunehmen, außerdem lag ein stechender Gestank in der Luft, der an Urin erinnerte.
»Hör zu«, sagte Alex, »ich kann kaum was sehen, das nimmt mir ein bisschen den Spaß. Lass uns umkehren und uns einen richtig schlechten Horrorfilm ansehen, ja?«
Lisa bemerkte, dass sie Alex’ Arm ein wenig zu fest umklammerte, und lockerte ihren Griff. »Klingt super! Lassen wir die Runde sein und drehen direkt hier um.«
Sie blieben stehen, rührten sich jedoch nicht vom Fleck. Sie wagten es nicht, sich umzudrehen. Die Stille war trügerisch. Nicht ein Laut war zu hören; keine nachtaktiven Tiere, nicht einmal Verkehrslärm in der Ferne. Sogar der Wind schien in gespannter Erwartung zu lauschen.
Lisa klammerte sich wieder fester an Alex, er hoffte, sie würde sein Zittern nicht bemerken.
»Okay«, flüsterte er nach einigen scheinbar endlosen Sekunden, »ich gebe es jetzt einfach zu, ich hab Schiss. Irgendwas ist komisch hier.«
Lisa nickte, dann fiel ihr ein, dass es nach Mitternacht und nebelig war und Alex das eventuell nicht sehen konnte, und sagte: »Ich auch. Scheiße, ich auch. Ist es in Ordnung, wenn wir … wenn wir uns ganz schnell umdrehen und zum Eingang rennen?«
»Ja. Hast du ebenfalls das Gefühl, dass jemand hinter uns …«
»Sei still«, zischte sie. »Sonst flipp ich aus!«
Dieses Mal war es Alex, der nickte. »Auf drei?«
Sie kamen beide flüsternd bis zwei, dann schlug Lisa ihm mit der Handfläche gegen den Unterarm. »Hörst du das? Scheiße, was ist das, Alex? Was ist das?«
»Shht!«, machte er und ging ganz automatisch in eine Schutzhaltung, in dem er den Kopf ein- und die Schultern hochzog.
»Das klingt wie … knurren. Wie Magenknurren.«
»Ruhig, hab ich gesagt!« Alex fürchtete, sich jeden Augenblick in die Hosen zu machen. »Los jetzt!«
Sie drehten sich blitzschnell um. Und es biss zu.

7

Einige Zeit später

Reinhard Beckmerhagen hatte schon mit vielen wahnhaften Patienten zu tun gehabt. An irgendeinem Punkt hatte es immer einen Durchbruch in der Therapie gegeben. Doch Alexander Seifert war sturr. Er war so gefangen in seiner Illusion, dass es kein Durchdringen gab.
»Also gut, Alex. Reden wir noch einmal über Ihre Verlobte und was mit ihr passiert ist.« Einen Funken Wahrheit musste es in dieser Geschichte geben. Eine Kleinigkeit, die verraten würde, was tatsächlich mit Lisa Birnbaum geschehen war und wie Alex sie getötet hatte.
Therapien glichen der Photosynthese. Die Fragmente, die Reinhard aus den Schilderungen seiner Patienten heraushörte, entsprachen dem Licht, das auf die Pflanzen traf. Statt in Sauerstoff, wandelte Reinhard sie in Wahrheit um; entfaltete sie sozusagen. Eine Wahrheit, die Morde aufklärte.
»Ich sagte doch schon, es hat sie gefressen.« Alex hatte die Beine angezogen und das Gesicht in den Knien vergraben.
»Der Heffalump.« Reinhard formulierte bewusst keine Frage.
»Ja, verdammt!« Endlich hob Alex den Kopf. Seine Augen waren blutunterlaufen, sein Gesicht eine einzige Fratze der Angst. »Es gibt sie wirklich! Warum glauben Sie mir nicht? Es hat uns auf dem Friedhof aufgelauert, dann hat es Lisa gepackt und ihr den Kopf abgebissen.«
»Und weiter? Was ist danach passiert?«
»Ich … Das wissen Sie doch schon, ich habe es mindestens 1000 Mal erzählt.«
»Erzählen Sie es noch einmal. Ich muss jedes Detail wissen, um alles zu verstehen.«
Alex atmete zitternd ein, sein Blick huschte von links nach rechts. »Ich habe mir in die Hose gepisst und konnte mich nicht bewegen. Das Ding fing an, auch den Rest von Lisa zu fressen. Sogar ihre Kleidung. Ich habe gesehen, wie ihr Schuh auf den Boden gefallen ist. Wie in Zeitlupe fiel der. Darin steckte noch ein Teil von ihrem Bein.«
»Den haben die Beamten gefunden. Den Rest von Lisa nicht.«
»Weil das Ding sie aufgefressen hat!« Alex kreischte, senkte die Stimme jedoch gleich wieder. »Durch den verdammten Nebel habe ich den Schuh nur fallen, nicht landen sehen, aber das hat mir gereicht. Dadurch konnte ich mich wieder bewegen und ich bin einfach nur gerannt wie der Teufel.«
»Und weiter?«
»Ich bin zur Polizei und habe denen alles erzählt.«
»Was Sie letztlich zu mir gebracht hat.«
Alex schnaufte. »Alle halten mich für irre.« Er beugte sich vor, seine Lippen bebten. »Aber ich weiß, was ich gesehen habe. Das war kein süßer, bunter Elefant aus einem scheiß Kinderbuch. Das Ding war ein Monster! Mit leuchtend gelben Augen und spitzen Zähnen.« Alex hob die Hände und versuchte, seine nächsten Worte pantomimisch zu untermauern, indem er die Finger vor dem Mund tanzen ließ. »Das Ding hat gesabbert, richtig heftig und irgendwie hat sich das in Nebel verwandelt.«
»Der Speichel des Heffalumps wurde zu Nebel?«
Alex nickte.
»In der Nacht hat es keinen Nebel gegeben, Alex.«
»Weil der scheiß Nebel nur auf dem Friedhof war! Es kam von dem Ding! Aus seinem … aus seinem Maul.«
Reinhard zeigte keine Reaktion. Er kannte bereits ähnliche Phrasen. »Ich habe meine Frau nicht umgebracht, das war Freddy Krüger. Ich war das nicht, Jason ist mit einer Axt in unser Haus gestürmt!« Ein Wesen aus einem Kinderbuch war dagegen neu. Vielleicht war es dieser Aspekt gewesen, der ihn neugierig auf Alex’ Wahrheit gemacht hatte. »Sie haben Lisa also nichts angetan?«
Alex schlug die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus. Er schüttelte den Kopf und wiederholte wie ein Mantra das Wort: »Warum? Warum? Warum?«
Reinhard versuchte, noch ein paar Mal zu ihm durchzudringen, dann gab er auf und ließ seinen Patienten allein. Er würde es weiter versuchen. Es gab nur eine Wahrheit und die galt es zu finden.
Als Reinhard in sein Büro zurückkehrte und sich langsam auf den Feierabend einstimmte, freute er sich bereits darauf, seinem Sohn am Abend eine Geschichte vorzulesen. Heute stand ihm der Sinn nach Winnie Puuh.

NicoleSiemer_Autorin

Dauer-kichernde Autorin mit Hang zum Gruselwusel. Außerdem: Serienjunkie, Sklave meiner Stubentiger, Naturfreundin und Liebhaberin guter Musik mit Wumms.

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